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Protokoll einer Lebenslüge

Von RÜDIGER SUCHSLAND, 12.04.05, 05:30h

Zum sechzigjährigen Kriegsende kommen gleich drei Dokumentationen über das "Dritte Reich" in die Kinos. Thematisiert werden Goebbels, die Filmästhetik der Nazis und die "Endlösung der Judenfrage".

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Hanns Ludin, der Vater des Regisseurs, zuständig für die "Endlösung der Judenfrage" in der Slowakei.
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Hanns Ludin, der Vater des Regisseurs, zuständig für die "Endlösung der Judenfrage" in der Slowakei.
Goebbels, die Filmästhetik der Nazis und die Verdrängung werden thematisiert.

Es mag Zufall sein, dass innerhalb kürzester Zeit gleich drei dokumentarische Essays über das „Dritte Reich“ ins Kino kommen. Aber wer will an Zufälle glauben im Jahr der sechzigsten Jahrestage, im Jahr eins nach Bernd Eichingers „Der Untergang“, der ungeachtet seines behäbigen Stils und fragwürdiger Geschichtsdarstellung vier Millionen Zuschauer in die Kinos lockte?

Die meisten Ähnlichkeiten zum geschmacksunsicheren Bunkerdrama hat „Das Goebbels-Experiment“ von Lutz Hachmeister und Michael Kloft. Hier redet nur einer, Joseph Goebbels, in Form authentischer Tagebuchzitate: 35 Seiten von 7000, gelesen von der sanften Stimme Udo Samels, ohne jeden Kommentar, unterlegt mit oft platt illustrativen, manchmal sachte kommentierenden, aber fast nie die Wahrnehmung brechenden Bildern. Wieder wird ein Massenmörder „als Mensch“ dargeboten; auch hier ziehen sich die Macher auf die Hoffnung zurück, man müsse Nazis nur lange genug reden lassen, dann würden sie sich schon selbst entlarven.

Ob das wirklich funktioniert, ist nur eine der Fragen, die sich aufdrängen. Zumal vom Zuschauer neben viel Geduld auch Vorwissen verlangt wird, um zwischen Propaganda, Autosuggestion und platter Lüge zu unterscheiden. Eine zweite Frage ist, worin der Erkenntnisgewinn dieses Films liegt, über die bekannten Tatsachen hinaus. Schließlich kann man fragen, warum man sich knapp zwei Stunden ins Hirn eines antisemitischen Massenmörders versetzen soll, seine Millionen Opfer aber keine Stimme bekommen. Ist ihr Leid wirklich bekannter als Goebbels verquerer Fanatismus, oder ist es dem Publikum nur schwerer zumutbar? Vielleicht geht es den Machern ganz einfach darum, auf jedermanns Voyeurismus zu spekulieren; um die Lust, dem Bösen ins Gesicht zu blicken, die einen auch in Horrorfilme treibt, gewürzt mit ein wenig Tabubruch. Hachmeister selbst gibt im Presseheft zu, dass ihn die imaginäre Kraft der größten Jahrhundertverbrechen kitzelt: „Die NS-Zeit ist eine riesige »crime story«. Sie enthält Gangster-Stoffe, Abenteuer, Liebe, Sex, Verrat.“

Mit Goebbels Wirken und der Sprache der von ihm kontrollierten Propaganda befasst sich Marcel Schwierins „Ewige Schönheit - Film und Todessehnsucht im Dritten Reich“. Der Film-Essay, die erste systematische, detailreiche Untersuchung der Filmästhetik des Dritten Reichs, untersucht die Bildsprache der nationalsozialistischen „geistigen Mobilmachung“ und die Mythen, die durch diese Filme gestrickt wurden. Schwierins These, die sich mit dem „Goebbels-Experiment“ wechselseitig stützt: Den letzten Kern aller NS-Ideen bildete der Kult des Todes. Der Hass auf alles Moderne mündete in die aktive Selbstvernichtung im Weltkrieg, die bereits - halb offen, halb versteckt - in den Filmen des Propaganda-Ministeriums vorweggenommen wurde. Ein hochspannendes Stück Film- und Politikgeschichte.

Einen ganz anderen Zugang wählt Malte Ludins ausgezeichneter Film „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß“. Ludin erzählt beispielhaft von einem, der aus ähnlichem Milieu stammt wie Goebbels: Hanns Ludin, der Vater des Regisseurs, war für die „Endlösung der Judenfrage“ in der Slowakei zuständig. 1947 wurde er als Kriegsverbrecher hingerichtet. Der Film zeichnet das Leben und die Taten des Vaters nach, begegnet Nachfahren seiner Opfer; doch beschreibt der Sohn vor allem den Umgang der Familie, der Kinder und Enkel, mit den Verbrechen. Ein Protokoll der Verleugnung und des Verschweigens, der Lebenslüge und der Beschwichtigung. Indem Ludin - der als Verwandter das unbestreitbare moralische Recht und das nötige Vorwissen hat - in die tiefen Schichten des familiären Unterbewusstseins eindringt, wird sein Film zur exemplarischen Darstellung der Rhetorik der Verdrängung in all ihren Facetten und damit der fortdauernden „Unfähigkeit zu trauern“ unter den Nachfahren. „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß“ zeigt eine Familie, die in Teilen nach wie vor Ausreden für Offensichtliches sucht, und belegt eindrucksvoll, warum alle Rufe nach einem „Schlussstrich“ ins Leere laufen, solange Verleugnung und Lebenslüge Alltag sind.

Während bei Hachmeister / Kloft Goebbels so fern scheint, wie der böse Wolf aus dem Märchen, kommt einem bei Ludin der Nationalsozialismus wieder ganz nahe. Ein durch sein Thema skandalöser, atemberaubender, ungemein brisanter Film, der ins Herz der Gegenwart trifft, weil er nicht von den längst toten Nazi-„Größen“ handelt, sondern von ihrem Weiterleben und dem Umgang der Deutschen mit ihnen. Hier müssen nicht die Toten erzwungen schweigen, hier verschlägt es den Lebenden die Sprache.



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