Von JOCHEN MEISSNER, 14.04.05, 07:46h, aktualisiert 20.04.05, 18:58h
Kunstwerk oder Machwerk, dass ist hier die Frage. Was soll man von einem Film mit einer hanebüchenen Handlung halten, die - halbdokumentarisch abgefilmt - in einem Dekor spielt, das aussieht wie in einer amerikanischen Dogma-Soap, einem Genre, als dessen Erfinder man Autor und Regisseur Todd Solondz nun wohl bezeichnen muss.
Doch der Reihe nach. „Palindrome“ kreist um ein zwölfjähriges Mädchen namens Aviva, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein Baby. Ihr Cousin kommt ihr dabei in einem Akt unromantischster Tristesse zur Hilfe, und Aviva wird schwanger. Nach einer von den geschockten Eltern in die Wege geleiteten Abtreibung bei einem Arzt namens Dr. Fleischer macht sich Aviva auf, ihr Ziel doch noch zu erreichen. Aber wer sich da auf den Weg macht, weiß man nicht so recht, denn Aviva wird von acht Schauspieler(inne)n unterschiedlichsten Alters und Geschlechts(!) dargestellt - am bekanntesten wohl Jennifer Jason Leigh.
Auf ihrer Reise begegnet sie dem Trucker Joe, der zwar von nur einem Schauspieler (Stephen Adly Guirgis) gespielt wird, dafür aber drei Namen und Identitäten hat. In der Form einer voluminösen Schwarzen wird Aviva ihn später wieder treffen, nämlich bei Mama Sunshine, die sich liebevoll um ein Dutzend Findelkinder mit allerhand Behinderungen kümmert. Ohne jede Ironie schildert Solondz das glückliche Familienleben in sozialer Verantwortung, um dann lakonisch in den Keller überzublenden, in dem Mama Sunshines Ehemann Mordpläne gegen Abtreibungsärzte ausheckt.
Vorwärts und rückwärts
Das Palindrom - der Name Aviva lässt sich vorwärts und rückwärts lesen, ohne den Sinn zu verändern - steht für eine ausweglose Vorherbestimmung und Fixierung des Charakters. Aber der Filmtitel steht nicht umsonst im Plural, gibt es doch noch eine andere Klasse von Palindromen, deren Sinn sich je nach Leserichtung dramatisch ändert, „Leben“ zum Beispiel. Was „Palindrome“ so irritierend macht, ist die Tatsache, dass Todd Solondz („Willkommen im Tollhaus“) jede offenkundige Parteinahme vermeidet und seine Charaktere gegenüber den Zuschauern auf einem einheitlichen Level der Antipathie hält. Wohlkalkuliert leuchtet Solondz die düsteren, fundamentalistischen Seiten Amerikas aus, ohne in allzu billige Propaganda zu verfallen. Trotzdem kein Film, den man mögen möchte, sondern einer, der sich gegen jede Vereinnahmung sperrt. Wohl doch ein Kunstwerk.
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