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Das nächste große Ding im Netz

Von SIMONE DECKNER, 14.04.05, 07:49h

Laut einer aktuellen Studie vertrauen 49 Prozent aller Jugendlichen ihre Gefühle lieber einem Weblog an als ihren Eltern. Gemeint sind die zu Tausenden im Web veröffentlichten „Online-Tagebücher“.

Idee & Montage: J. Mies
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Spitzwegs "Der arme Poet" im Jahr 2005: Papier und Feder sind passé, seine Gedanken vertraut man dem Internet an.
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Spitzwegs "Der arme Poet" im Jahr 2005: Papier und Feder sind passé, seine Gedanken vertraut man dem Internet an.
Laut einer aktuellen Studie vertrauen 49 Prozent aller Jugendlichen ihre Gefühle lieber einem Weblog an als ihren Eltern. Gemeint sind die zu Tausenden im Web veröffentlichten „Online-Tagebücher“.

In der Musikbranche heißt so etwas „das nächste große Ding“. Eine derart bezeichnete Band hat Potenzial: Sie kann die Charts entern, Tourneen ausverkaufen und, wenn's richtig gut läuft, bei „Wetten, dass . . .“ auftreten - noch aber ist sie ein Geheimtipp, kurz vor dem Durchbruch.

Ganz Ähnliches geschieht gerade mit den Weblogs. Für erfahrene Internetnutzer sind die kurz Blogs genannten Seiten längst wichtiger Teil ihrer täglichen Reise durchs Internet, während das Gros der Surfer gerade einmal zaghaft anfängt, sich mit dem Thema zu befassen.

Um sich dem Phänomen zu nähern, hilft ein genauerer Blick auf den Namen: Das Kunstwort Weblog setzt sich aus den Wörtern Web und Logbuch - ein Schiffstagebuch - zusammen.

Die Weltmeere des Bloggers sind die unzähligen Internetseiten, die er täglich „bereist“. Genau wie der Kapitän zeichnet er in chronologischer Reihenfolge alles auf, was wichtig sein könnte. Weblogger, kurz Blogger, beschäftigen sich dabei eher selten mit Ozeanriesen, sondern schlicht mit dem Thema, dass ihnen besonders am Herzen liegt. Das kann das eigene Liebesleben, der miserable Kundenservice eines Computerherstellers, der Unterschied zwischen Mann und Frau, frauenfeindliche Werbeanzeigen, Weltpolitik oder die Rezepte der Oma sein. Für die Navigation im Web sind Links das wichtigste Werkzeug.

Weil vieler Blogger mit Vorliebe private Themen verarbeiten, hört man oftmals auch die Bezeichnung „Online-Tagebuch“. Doch Blogs unterscheiden sich in einem entscheidenden Punkt von Tagebüchern: Blogger sind geradezu erpicht darauf, dass andere ihre Einträge lesen. Viele freuen sich sogar darüber, wenn andere ihre Einträge kommentieren. Blogs wimmeln daher von Links, sie ergänzen, vertiefen und verweisen auf ähnliche Themen.

Logbücher fürs Web - das hört sich kompliziert an. Doch einer der größten Vorteile der Blogs ist ihre kinderleichte Bedienung. Wer etwas zu sagen hat, muss sich nicht erst lange mit Programmierung und Grafik des Blogs befassen. Dafür gibt es eine Vielzahl von Anbietern von Blog-Software, so genannte Blog-Hoster wie etwa „twoday.net“, „blogg.de“, „Blogger.de“ oder „20six.de“. Internetgrößen wie AOL oder MSN bieten eigene Plattformen für Blogger.

Bei den meisten Blog-Hostern können Nutzer zwischen einem kostenlosem Standard-Blog und luxuriöseren Paketversionen wählen. Bei den Standardversionen müssen zumeist Werbebanner in Kauf genommen werden. Die Kosten für ein Blog ohne Werbung bewegen sich zwischen 2,95 und 9,95 Euro pro Monat. Die Software kann man sich als eine Art abgespecktes „Content Management System“ vorstellen, wie es zum Beispiel Online-Redaktionen von Tageszeitungen für die Gestaltung ihres Webauftritts nutzen. Nur dass hier nur die wichtigsten Funktionen wie Text- und Bildeingabe, Kommentarfunktion, oder Verlinkung genutzt werden können. Der Blogger schreibt seinen Text in ein vorgegebenes Formular, drückt auf „publizieren“ und wenige Sekunden später ist sein Text bereits online.

„Niemand weiß genau, wie viele Blogs es im deutschen Sprachraum gibt“, so Buchautor und Blogger Kai Pahl (siehe Interview). Weltweit soll es bereits 12 Millionen Weblogs geben, der Großteil kommt aus dem Blog-Mutterland USA. Und sie finden immer mehr Leser: Auf die Frage, warum sie Weblogs lesen, antworteten bei einer Umfrage von „BlogAds“ 75 Prozent mit „weil ich dort Informationen finde, die ich sonst nirgendwo bekomme“.

Vertrauensvorsprung genießen die Blogs auch bei Teenagern: 49 Prozent halten ihr Blog sogar für vertrauenswürdiger als ihre Eltern, wie AOL herausfand. Höchste Zeit, sich „das nächste große Ding“ einmal genauer anzuschauen.



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