Erstellt 18.04.05, 14:43h, aktualisiert 19.04.05, 20:16h
Rührung und Demut gehören nicht zu den Eigenschaften, die in den vergangenen Jahrzehnten mit dem früheren Bischof von München-Freising und neuen Papst Benedikt XVI. verbunden wurden: Als brillant, streng und belehrend wird der aus dem bayerischen Marktl am Inn stammende Kurienkardinal beschrieben, der in den Tagen seit dem Tod von Johannes Paul II. als Favorit für seine Nachfolge gehandelt wurde. Als Präfekt der römischen Glaubenskongregation war Ratzinger bisher der oberste Hüter der katholischen Lehre.
Mit welcher Strenge er diese Aufgabe erfüllte, zeigt ein verbreiteter Witz über Ratzinger. Wo andere Katholiken beteten "Lieber Gott, mach mich fromm, damit ich in den Himmel komm!", laute Ratzingers Nachtgebet: "Lieber Gott, ich mach Dich fromm, wenn ich in den Himmel komm!" Allerdings wird dem Sohn eines Gendarmeriemeisters und späteren Theologieprofessors so viel Humor nachgesagt, dass er darüber wohl selbst lachen würde.
Mit seiner Unnachgiebigkeit in vielen Streitfragen machte er sich nicht beliebt bei vielen Katholiken, die auf Aufbruch und Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre drängten. In den 80er Jahren stoppte er die lateinamerikanische "Theologie der Befreiung" mit disziplinarischen Maßnahmen. Er verteidigte das kategorische Nein Roms zum Priestertum der Frau und die harte Linie gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen sowie die Lehre von der Vorherrschaft der katholischen Kirche vor allen anderen Glaubensgemeinschaften.
Vor allem in Deutschland sahen viele Katholiken, Laien wie Geistliche, ihre Bemühungen um Reformen von ihrem Landsmann in Rom verhindert. Ihre Proteste gegen die Ernennung von Bischöfen gegen den Willen der Gläubigen und gegen den von Rom verordneten Ausstieg der deutschen Bistümer aus der Schwangerenkonfliktberatung richteten sich nicht nur gegen den Papst, sondern auch gegen seinen Vertrauten Ratzinger. Ihr bitterer Witz lautete, Ratzinger habe sich ein französisches Bett gekauft: "Damit er sich auch im Schlaf noch quer legen kann."
Obwohl Ratzinger zu Beginn seiner Laufbahn offizieller Theologe des II. Vatikanischen Konzils und seiner Botschaft vom Aufbruch der Kirche war und er später größere Offenheit signalisierte - etwa in Debatten mit dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas - wurde er weiter als Hardliner, Reformblockierer und Traditionsbewahrer gesehen. Die gut 23 Jahre an der Spitze der Glaubenskongregation waren prägend - für die Kirche und für Ratzinger.
Welche Bedeutung dieses Image im Konklave hatte, blieb wegen der geheimen Wahl einstweilen unklar. Er wurde als Favorit gehandelt, weil sein hohes Alter für eine begrenzte Amtszeit spricht, in der die Kirche nach dem langen Pontifikat Johannes Paul II. grundlegende Richtungsentscheidungen treffen könne. Nach knapp 23 Jahren in Rom gilt er als gewiefter Kenner der vatikanischen Strukturen, aber auch als Insider mit wenig Kontakt zur Kirche in der Welt. Als Europäer steht er zwischen den aufstrebenden Kirchen Lateinamerikas und Asiens, aber auch für eine durch die säkularen Gesellschaften Europas herausgeforderte Kirche.
(rtr)
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