Von Julia Deppe, 05.05.05, 09:43h
Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen den nach außen biederen Familienvater wiegen schwer. Zweifacher Mord und schwerer sexueller Missbrauch werden dem Angeklagten, der seit Dezember 2004 in U-Haft sitzt, zur Last gelegt. Nach Überzeugung der Ankläger hat Marc H. Levke unter einem Vorwand in seinen Wagen gelockt, sie in einem Waldstück missbraucht und schließlich getötet, um die Tat zu vertuschen. Pilzsammler fanden die Leiche des Mädchens im August 2004 im sauerländischen Attendorn - wenige Kilometer vom Geburtsort des Angeklagten entfernt. Als Marc H. der Polizei nach fieberhaften Ermittlungen im Dezember ins Netz geht, gesteht er den Mord an dem achtjährigen Mädchen.
Dass Marc H. auch Felix auf dem Gewissen haben könnte, hatten die Fahnder zunächst nicht für möglich gehalten. Schließlich galt es bislang als nahezu ausgeschlossen, dass ein Kinderschänder gleichermaßen Mädchen und Jungen missbraucht. Für die Ermittler war es daher ein Schock, als der der arbeitslose Installateuer im Januar dieses Jahres im Gefängnis seinem Anwalt mitteilte, wo Felix Leiche zu finden ist. Der Körper des Jungen, der am 30. Oktober 2004 nach einem Fahrradausflug spurlos verschwunden war, birgt die Polizei aus einem Fluß bei Bremerhaven.
Marc H., so lautet die Erkenntnis der Ermittler, ist nicht berechenbar, ihm ist alles zuzutrauen. Der Stader Prozess wird auch deshalb mit Spannung erwartet, weil nicht ausgeschlossen ist, dass weitere Greueltaten des Angeklagten ans Tageslicht kommen könnten. 30 Beamte der Sonderkommission (Soko) "Levke" sind noch immer fieberhaft damit beschäftigt, ein durchgängiges Bewegungsbild für den 31-Jährigen zu rekonstruieren, seit der mit 18 Jahren seinen Führerschein machte. Im Auge haben die Ermittler dabei ungeklärte Verbrechen, etwa den Mord an der zehnjährigen Adelina aus Bremen 2001.
Zudem geht die Polizei den Aussagen eines Mithäftlings auf den Grund, dem Marc H. angeblich sechs weitere Morde gestanden hat. Demnach soll er vor Levke und Felix bereits zwei Kinder, zwei Anhalterinnen und zwei ältere Frauen getötet haben. Bislang hat sich diese Aussage allerdings nicht erhärtet: Vergeblich hatte die Polizei kürzlich ein Gelände in Bremerhaven und ein Waldstück im Sauerland nach weiteren möglichen Opfern abgesucht. Marc H. selbst schweigt eisern zu den Vermutungen der Ermittler.
In dem Stader Verfahren geht es ohnehin nur um Levke und Felix, die Marc H. kaltblütig umgebracht haben soll - obwohl er selbst zwei Töchter hat und ab Anfang 2004 sogar allein erziehender Vater der zehnjährigen Tochter war. Der Angeklagte, der seit 1994 wegen versuchter Vergewaltigung vorbestraft ist, ist nach einem fachärztlichen Gutachten voll schuldfähig und muss mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe rechnen. Gut möglich, dass die Richter zudem die besondere Schwere der Schuld feststellen. Dann könnte Marc H. sich keine Hoffnungen machen, nach 15 Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen zu werden.
Insgesamt sieben Verhandlungstage hat das Schwurgericht für den Prozess angesetzt. Der Vorsitzende Richter Berend Appelkamp wird das Verfahren unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen leiten. Levkes Eltern treten als Nebenkläger auf. Vielleicht bekommen sie in dem Prozess endlich Antwort auf jene eine Frage, die sie fassungslos auf ihrer Homepage formulieren. Über einem Foto Levkes steht in großen Lettern geschrieben: "Warum hast DU mir das angetan?" (AFP)
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