Von FRANK RÄTHER, 01.06.05, 06:57h
Entebbe - Der Anflug auf den ugandischen Flughafen Entebbe ist malerisch. Im glitzernden Victoria-See spiegeln sich Sonne und Wolken. Doch dann, kurz vor Entebbe, scheint der See zu Ende - Wasserhyazinthen bilden einen dicken Teppich, so weit das Auge reicht. Und aus der Nähe betrachtet, wirkt das Wasser dreckig und verliert den vorher so schimmernden Glanz. Der zweitgrößte Frischwassersee der Welt, doppelt so groß wie Nordrhein-Westfalen, ist zur Kloake verkommen. Wissenschaftler finden in ihm eine Zyanid-Vergiftung, die eine Gefahr für Menschen und Tiere darstellt. Kaum vorstellbar, dass die nahe Entebbe gelegene ugandische Hauptstadt Kampala noch vor 40 Jahren ihr Trinkwasser aus dem Victoria-See bezog. Eine vorherige Reinigung oder Abkochen war nicht nötig.
Was ist geschehen, dass der See, aus dem der Nil entspringt, in so relativ kurzer Zeit kollabierte? Schuld daran tragen alle drei Anliegerstaaten: Uganda, Kenia und Tansania. Denn sie haben für den Strom der Bevölkerung in die Städte am Rande des Sees, deren Bevölkerungszahl sich in den vergangenen vier Jahrzehnten verzehnfacht hat, keine ausreichenden Abwasseranlagen gebaut. Somit strömt der ganze Dreck der Städte ungefiltert in den See. Die Industriebetriebe von Kampala, Jinja und Masaka kennen keine Schadstoffbeseitigung. Und oft wird der Müll der Städte im See entsorgt. Viele Sümpfe am Uferrand, die einst als natürliche Kläranlage fungierten, sind trockengelegt, da immer mehr Menschen immer mehr Land brauchen. Von den Feldern der fruchtbaren Ufer wird der Dünger - natürlich oder künstlich - ins Wasser geschwemmt. Das einstige ökologische Gleichgewicht des Victoria-Sees, dem sein britischer Entdecker John Speke 1858 den Namen zur Ehrung seiner imperialen Königin gab, einst als „so klar und voller Leben“ schilderte, ist nicht gestört, sondern zerstört. Die Flamingos, die vor allem die Buchten auf der kenianischen Seite so farbenfroh machten, sterben an den Zyaniden zu Zehntausenden. Der Victoria-See wird immer sauerstoffärmer, der Fischbestand schrumpft, viele Fischarten sind vom Aussterben bedroht. Vor 30 Jahren wurde der Nilbarsch eingeführt. Sein Export nach Europa - hier heißt er Victoriabarsch - bringt jedes Jahr über eine Milliarde Euro. Doch durch ihn wurde die natürliche Nahrungskette im See gestört.
Einen guten Nährboden bildet der verdreckte Victoria-See zudem für die Wasserhyazinthe. Sie war von belgischen Siedlern aus Südamerika als Zierpflanze für ihre Fischteiche in Ruanda und Burundi eingeführt worden. Im Laufe der Zeit aber wurde sie über die Flüsse nach Norden in den Victoria-See geschwemmt. Zartviolett blühend sieht sie zwar sehr schön aus, doch der dicke Teppich dieser Pflanze „erwürgt“ das Gewässer, er vermindert die Sauerstoffzufuhr. Alle zwei Wochen verdoppelt sich die Biomasse der Hyazinthen, so dass jeden Tag 40 Tonnen hinzukommen. Selbst große Boote kommen nur noch schwer durch das Gestrüpp. Die Fischer fangen immer weniger und immer kleinere Fische. Die Malaria-Mücken finden in den Blättern einen idealen Brutplatz. Die Pflanze wird auch von einer Schneckenart bewohnt, die die Wurmkrankheit Bilharziose verbreitet. So ist der See auch zum Gesundheitsrisiko für die rund 25 Millionen Menschen, die an seinen Ufern leben, geworden. Die Anrainerstaaten kommen mit der mechanischen und biologischen Bekämpfung nicht nach. „Hier müsste ein generalstabsmäßiger Krieg geführt werden“, meint ein internationaler Experte. Doch der benötigt Geld, das die Länder nicht im erforderlichen Maße ausgeben wollen. Und so droht der Kollaps des Victoria-Sees - des „Bedrohten Sees des Jahres 2005“.
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