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Lieder gegen den inneren Dämon

Von PATRICK BEUTH, 09.06.05, 07:25h, aktualisiert 16.06.05, 14:10h

Die Band Geist, unter Musikern längst mehr als ein Geheimtipp der Kölner Szene, fordert ihr Publikum mit außergewöhnlichen Rocksongs und machtvollem deutschem Gesang heraus.

Bild: Max Grönert
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Große Emotionen, anspruchsvolle Musik: Lars Dittrich (v.l.), Fares Rahmun, Tim Born und Oliver Rattay fordern mit geistreichen Songs ihr Publikum heraus.
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Große Emotionen, anspruchsvolle Musik: Lars Dittrich (v.l.), Fares Rahmun, Tim Born und Oliver Rattay fordern mit geistreichen Songs ihr Publikum heraus.
Die Band Geist, unter Musikern längst mehr als ein Geheimtipp der Kölner Szene, fordert ihr Publikum mit außergewöhnlichen Rocksongs und machtvollem deutschem Gesang heraus.

Die Bühne zwischen Rudolfplatz und Friesenplatz auf dem Ringfest 2004 wäre für eine normale Nachwuchsband zwei Nummern zu groß gewesen. Doch ein Quartett von außergewöhnlichen Musikern füllte diesen Raum mit einer so beeindruckenden Präsenz, dass unten die Zuhörer vor Ehrfurcht zu erstarren schienen. Geist spielten Songs, denen man am besten mit geschlossenen Augen folgen konnte, wäre da nicht dieser faszinierende Sänger gewesen. Auf dem schmalen Grat zwischen puren Emotionen und peinlichem Pathos, mit deutschen Texten, einer wunderschönen Stimme und einem mutigen Gesangsstil erzielte er einen fast dramatischen Effekt: Wer bereit war, sich genau so zu öffnen, wie er es tat, der konnte vollkommen darin aufgehen. Wer Distanz wahren wollte, musste eher befremdet sein von diesen wuchtigen, aber ungemein atmosphärischen Songs, die unter die Haut gehen, und dabei im Kopf mitunter große Fragezeichen hinterlassen.

Entstanden ist dieser „Geist“ vor fünf Jahren. Doch erst kurz vor dem ersten Konzert „haben wir eingesehen, dass es nötig ist, einen Bandnamen zu haben“, erinnert sich Schlagzeuger Lars Dittrich. Dieser erste Auftritt war bei einem großen Festival, „wir haben dem Veranstalter einfach nicht gesagt, dass es unser erstes Konzert ist“, lacht Sänger Fares Rahmun. Als sie erstmals am Kölner Talentwettbewerb „Local Heros“ teilnahmen, sprang sofort der zweite Platz heraus. Derart motiviert stürzten sie sich in die Aufnahmen zur ersten Demo-CD. Fast ein Jahr dauerte es dann allerdings, bis das Werk fertig war, „weil wir erst mal lernen mussten, was man alles machen kann und muss“, gibt Bassist Oliver Rattay zu. Die Songs stellten sie im Internetportal „myownmusic“ zur Verfügung - und bekamen schnell massive Unterstützung aus der Community. Der Produzent Florian Sommer (4Lyn) und der Manager Enno Heymann wurden auf die vier aufmerksam und wollten mit ihnen arbeiten. In Hamburg begannen sie mit der Aufnahme zu einem Studioalbum.

In diesem Zeitraum lag auch der Auftritt beim Ringfest als vorläufiger Höhepunkt, dem dann ein heftiger Absturz folgte. Der Gitarrist verließ die Band, es blieb eine scheinbar schwer zu schließende Lücke. Auf der Suche nach einem Nachfolger stießen die verbliebenen „Geister“ auf Tim Born. Schnell war klar, dass er menschlich und musikalisch eine großartige Ergänzung darstellte. Über ein halbes Jahr nahmen sie sich Zeit, um den 31-Jährigen, der als freiberuflicher Übersetzer arbeitet, in ihr Umfeld zu integrieren. Schon bald konnte Tim einen „gleichwertigen Kreativ-Input“ beitragen und auch den alten Songs neue Nuancen geben. Mitte Mai wagten sie wieder den Sprung auf die Bühne und gaben im Kulturbunker in Mülheim ein erstes „Comeback“-Konzert vor den Augen vieler alter Fans und Musikerkollegen, die fast genauso gespannt waren wie die Band selbst.

Mit seinem außergewöhnlichen Gesang steht Fares bei Live-Auftritten natürlich meist im Vordergrund. Und dort gibt es nichts, wohinter sich der groß gewachsene 26-Jährige noch verstecken könnte: Während andere Bands den Schutzwall englischer Texte um sich ziehen und im Zweifelsfall alles niederschreien und -knüppeln, verlässt sich Fares ganz auf seine machtvolle Stimme. Nur selten deutet der gelernte Programmierer an, zu welchem Gebrüll er fähig wäre. Dafür hangelt er sich an den Tönen rauf und runter, zieht sie lang und bricht mit eingängigen Popmelodien. Arabische Einflüsse werden dem Mann mit syrischen Wurzeln dabei nachgesagt, sie verleihen einem Song wie „Wer wenn nicht ich“ eine völlig eigene Note. Inhaltlich scheint er immer wieder gegen eine Art inneren Dämon anzusingen, es sind Zwiegespräche mit sich selbst, die er hoch emotional vorträgt. Das klingt dann wie eine Mischung aus Pearl Jams Eddie Vedder und Xavier Naidoo. Fares selbst sagt, er „spielt gerne mit Tönen“, und dazu gehöre, dass man „sich manchmal auch die Freiheit nehmen muss, Worte so zu biegen, wie man es möchte“. Sein Ziel ist, den Gesang vorrangig als Melodieinstrument zu benutzen: „Es wäre mir manchmal lieber, wenn es keine Worte geben würde.“

Auch seine Bandkollegen ignorieren mit sehr individuellen und anspruchsvollen Spielweisen konsequent jeden massenkompatiblen Ansatz. Vergleiche mit der Art-Metal-Band Tool hören sie immer wieder, besonders in Bezug auf die Rhythmussektion. Oliver hatte acht Jahre lang Gitarrenunterricht und auch schon in Bands Gitarre gespielt. Nun ist er Bassist bei Geist, und noch immer spielt der 29-jährige Informatik-Student wie auf einer Gitarre. „Einssein“, ein langsamer, atmosphärischer Song, basiert vollständig auf einer Leadmelodie des Viersaiters. Er sei „es einfach noch gewohnt, mehrere Saiten gleichzeitig zu spielen“, wie auf der fünfsaitigen Gitarre. Nahezu hypnotisch wird es, wenn Oliver zum Didgeridoo greift und einen Song mit einem atmosphärischen Klangteppich unterlegt.

Wie Tool-Drummer Danny Carey findet auch Lars wenig Gefallen an simplen 4 / 4-Takten. „Ich mag es, wenn sich verschiedene Taktarten übereinander legen“ erklärt der 26-jährige Biologie-Doktorand. Tim ergänzt lachend: „Ab und zu sagt er dann beim Jammen, dass wir da einen 4 / 4-Takt parallel zu seinem 5 / 4-Takt spielen sollen. Das sind so Abende, die sehr, sehr lang werden ...“

Nach dem gelungenen Live-Auftakt will die Band nun wieder verstärkt auf die Bühne, der nächste Auftritt in der Nähe findet am heutigen Abend, 20 Uhr, in Dormagen statt, in der „Tankstelle“, Mathias-Giesen-Straße 10. Wenn irgend möglich, soll noch in diesem Jahr das halb fertige Album in Hamburg komplettiert werden, doch „wir haben uns vorgenommen, erst an etwas zu glauben, wenn es in der Vergangenheit liegt“, sagt Fares bescheiden. Die Erwartungen dürfen dennoch hoch sein, denn fest steht, wer diesen Geist einmal gerufen und ihm zugehört hat, der wird ihn so schnell nicht wieder los.

Musiker, die vorgestellt werden möchten, wenden sich an den „Kölner Stadt-Anzeiger“, Telefonnummer: 224-2323 /2297, E-Mail: KSTA-Stadtteile@mds.de, Anschrift: Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Bewerber sollten aktuelle Musikproben zusenden - auf CD oder als Sounddatei - mit einer E-Mail. Musikbeispiele der Bands, die in der Reihe präsentiert werden, sind im Internet zu hören.

 www.ksta.de/klangprobe

 www.geistreich.org



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