Von ERWIN DECKER, 17.06.05, 06:57h
Beirut - Jeden Morgen, wenn er aus seinem Haus geht und auf das grüne Feld blickt, lächelt Ali zufrieden. Die Pflanzen wachsen und in zwei Monaten kann er ernten. So wie es aussieht, gibt es eine reiche Ernte. Es sind keine gewöhnlichen Pflanzen auf dem zweieinhalb Hektar großen Acker über die sich der Mann freut. Es ist Cannabis (Hanf), der zu Haschisch weiterverarbeitet werden kann.
Ali lebt in einem kleinen Dorf nördlich von Baalbek, fast an der syrischen Grenze im Bekaa-Tal im Libanon. Er war besonders erleichtert, als die syrischen Soldaten nach dem Anschlag auf den früheren Regierungschef Rafik el Hariri auf internationalen Druck hin nach jahrzehntelanger Besatzungszeit in Richtung Damaskus abzogen. Für Politik hat sich Ali ohnehin noch nie interessiert. Die ist ihm egal. Aber an dem Tag, als die Syrer verkündeten, dass sie den Libanon räumen werden, wusste Ali, dass sich seine hoffnungslose wirtschaftliche Situation bald zum Besseren wenden wird. Denn die Cannabis-Ernte bietet ihm die Möglichkeit, einen gewissen Wohlstand zu erwirtschaften. Jetzt, wo die Besatzer weg sind, und er nicht befürchten muss, dass sie wiederkommen, um die Pflanzen zu vernichten.
Ali hat bislang Gurken, Tomaten und Salat angebaut. Das reichte für den 49 Jahre alten Libanesen und seine Familie kaum zum Überleben. Nur einer seiner vier Söhne konnte in die Schule gehen. Als die Syrer den Rückzugstermin bekannt gaben, riss er mit seinen Kindern sofort sämtliche Tomatenpflanzen aus, pflügte den Boden und säte schon einen Tag später Cannabis-Samen aus. Er ist nicht der einzige, der im Bekaa-Tal Haschisch-Pflanzen hegt und pflegt. In fast allen Dörfern, die abseits der Hauptstraße an den Hängen des Libanon-Gebirges liegen, baut man dieses Jahr die Droge wieder an.
Vor 15 Jahren noch war der Libanon bekannt für den dortigen Anbau von Cannabis und dessen gute Qualität. Als die syrische Armee radikal durchgriff und den Hanf-Anbau verbot, ging für viele Bauern die einzige Einnahmequelle verloren. Die Vereinten Nationen stellten zwar als Einnahmeausfall für die Cannabis-Pflanzer im Bekaa-Tal einen Millionenbetrag zur Verfügung, aber kaum einer bekam je Geld aus diesem Fonds. Die Mittel versickerten zumeist im Netz der Korruption.
„Vor der Polizei habe ich keine Angst, das sind ja unsere Leute“, berichtet Ali. Doch mit den Syrern habe man einfach nicht reden können. „Es gibt sicherlich bald eine Aktion, bei der die Polizei ein Cannabisfeld vernichtet“, weiß er aus der Vergangenheit. Das werde dann gefilmt und sei auch im Fernsehen zu sehen. „Das war früher auch immer so, die Polizei kommt danach aber nicht mehr wieder.“ Die anderen Bauern, die von dieser Polizeiaktion nicht betroffen seien, würden nach der Ernte zusammenlegen, um den Geschädigten zu unterstützen.
Alis Cannabis-Feld liegt direkt vor seinem heruntergekommen wirkenden Haus mit drei Zimmern. Sein 35 Jahre alter Renault ähnelt eher einem Autowrack. Seit der Cannabis ausgesät ist, trägt Ali jeden Tag seinen einzigen dunklen Anzug. Er werde bald wieder ein angesehener Mann sein - sagt Ali über sich selbst. Er hat studiert und spricht wie viele Libanesen fließend Französisch. Sein 18 Jahre alter Sohn Salim ist krank. Er liegt auf einer Matratze im Wohnzimmer, bekommt Medikamente über eine Infusion in seinen Arm. „Als ich dem Arzt und dem Apotheker erzählte, dass ich wieder Cannabis anpflanze, bekam ich sofort Kredit und Nabil wurde ordentlich behandelt. Sonst hätte sich der Doktor ohne Vorkasse wie immer geweigert“, sagt Ali. Jetzt aber wüssten beide, „dass ich bald ihre Rechnungen bezahlen kann.“
Der Hanf sei unproblematisch, berichtet Ali. Nach der Einsaat muss er nur alle 20 Tage die Pflanzen bewässern. Das ist weniger als beim Gemüseanbau. Der Brunnen und die Wasserpumpe befinden sich am Rande des Feldes. Die eigentliche Arbeit beginnt nach der Ernte. Die ganze Familie arbeitet zwei Monate an der Aufbereitung des Haschisch von der dürren Pflanze in bräunliche Masse. Ali schätzt, dass er rund 200 Kilogramm produzieren wird. Wenn der Kilo-Preis bei 200 Dollar bleibt, kommen 40 000 Dollar zusammen - im Libanon ein Vermögen. Das Durchschnittseinkommen liegt landesweit bei nur rund 600 Dollar im Monat.
Die direkten Aufkäufer sind Strohmänner reicher libanesischer Geschäftsleute. Bei ihnen können die Bauern auch das Saatgut billig kaufen. Ein Teil des Stoffs geht in die Türkei. Eine größere Menge soll angeblich auch nach Israel geliefert werden. Dabei gilt die Grenze als undurchlässig und wird von Israel aus Angst vor Terroristen mit durchgehenden Zäunen, Kameras und Soldaten streng bewacht. Ali aber betont, er wisse es ganz genau und sei sich da ganz sicher.
Das Bekaa-Tal ist die fruchtbarste Region im Libanon. Der beste Wein des Landes kommt aus der Hochebene. In Baalbek, der Hauptstadt des Tales, sind die Tempel des Sonnengottes Helios, die berühmtesten antiken Ruinen des Landes. Baalbek gilt aber auch als Hauptstadt des Verbrechens im Libanon.
Die Staatsgewalt in Beirut hat wenig Einfluss auf diesen Landstrich, in dem Clanchefs, Drogenhändler und Feudalherren das Sagen haben. Drogenanbau, Erpressungen, Schmuggel, Waffenhandel und Autodiebstahl bringen ihnen viel Geld. Wenn in der Hauptstadt ein Auto gestohlen wird, kommt oft ein Anruf aus dem Bekaa-Tal, dass der Besitzer sein Fahrzeug irgendwo in den Schouf-Bergen abholen kann - natürlich gegen Zahlung eines meist verhandelbaren „Lösegeldes“. Seit dem Mord an dem ehemaligen Regierungschef Hariri stiegen auch die Preise für Waffen kräftig. Viele Libanesen wollen sich schützen und kommen aus Beirut zu den Waffenhändlern ins Bekaa-Tal. Eine Kalaschnikow kostet inzwischen 400 Dollar.
Nach dem Abzug der Syrer ist die Hisbollah die einzig verbliebene, wirklich respektierte Ordnungsmacht im Bekaa. Die „Partei Gottes“ bietet besonders im Südlibanon und im Grenzgebiet zu Israel soziale Leistungen wie Schulen und Krankenhäuser an. Auch wenn das Geld der Hisbollah aus dem Iran kommt, die Menschen, die davon profitieren, interessiert das zumeist recht wenig. Die Hisbollah mischt sich offenbar in das im Bekaa-Tal explosionsartig ausgeweitete Drogengeschäft nicht ein.
Ali ist eher ein Atheist, und trotzdem lobt er die Arbeit der „Gottespartei“ im Bekaa-Tal: „Wer hier wirklich ein Problem hat, dem wird nur von der Hisbollah geholfen.“
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