Von RAINER HARTMANN, 15.07.05, 07:03h
Dem reizenden Teddybär des Umschlagbildes widerspricht effektvoll sein Kollege im Gedicht von Gerhard Rühm. Da gehen „camembert und teddybär“ freundschaftlich in den Wald, mit Folgen: „fürwahr, der teddy, frohgemut, / verschlang den camembert.“ Rühm, der 75-jährige Kölner aus Wien, ist einer der vielen hochangesehenen „Lieferanten“ für die 13. Ausgabe der Zeitschrift „Das Gedicht“, eine ausgewachsene Anthologie mit neuer Lyrik rund ums Kind. Ein anderer ist Harald Hartung, der das Jahr 1943 ins Gedächtnis ruft. Elf war er, hockte im Luftschutzkeller, hörte von Phosphor, schrecklichem Feuer und „Hölle“. Seine Reaktion: „Mir zitterten die Knie / hauptsächlich vor Müdigkeit“.
Mit den kurzen Gedichten der beiden reifen Herren lässt die Spannweite dieses dicken Hefts sich abstecken: vom nicht ganz geheuren Scherz, der auch auf Kinder zielt, bis zur Kindheits- oder Jugend-Erinnerung. Aber es kommen noch ein paar Perlen dazu, nämlich zwölf Gedichte von Kindern aus einer Münchner Grundschule. Eines der schönsten schrieb die achtjährige Yasemin: „Blau / Der Himmel / Er ist kalt / Dort oben sind Vögel / Geschmeidige“. Alle Achtung, wie das „Geschmeidige“ hinterherfliegt, mit leichtem Flügelschlag.
„Gedicht“-Begründer und -Herausgeber Anton G. Leitner glückt ein Kompositionskunstwerk: Mehr als 100 Gedichte von rund 60 Autoren arrangiert er derart, dass oft eins mit dem nächsten ins Gespräch kommt und der Leser spürt, wie beim Thema Kind oder Kindheit ganz bestimmte Sensibilitäten sich zeigen. So treffen im gewichtigen Kapitel „Kindheitserinnerungen“ mythische Figuren unterschiedlichster Herkunft zusammen. Mario Wirz trägt seinen Gast, den Engel, ins Bett und wacht über seinen Schlaf. Hartmut Kasper richtet ein Batman-Museum ein, und bei „medienkind“ Nikola Richter, 29, blinkt im Traum „das tv“.
Zeitgenössische Gedichte sind häufig Kürzel, in deren Wortfolgen sich Stimmungen, Denkblitze, Ein- und Aussichten, Irritationen verstecken oder offenbaren. Dies funktioniert auch, wenn die Autoren in ihre frühe Vergangenheit tauchen, „Das Gedicht“ unter dem Titel „Alle meine Kinder“ beweist's.
Diese Texte leben von Fantasie, Fiktion und Lust am Finden, stammen von 30- bis 75-Jährigen, die locker Zeiträume überspringen. Das vielfältige Gedichtangebot wird kommentiert im Essayteil. Alle Schattierungen des Themas Kinder und Lyrik kennt als Fachmann und Forscher Kurt Franz. Er registriert einen „Stil- und Mentalitätswandel“ in Gedichten über Kindheit. Diesen zu verfolgen, ist ein Abenteuer eigener Art.
„Das Gedicht“, Anton G. Leitner Verlag, 140 S., 11,90 Euro.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige

Frankfurter Rundschau
Neonazi-Trio - BKA löscht Daten über Zwickauer ZelleDSDS - Dieter, verschone uns

EXPRESS
3:0-Sieg gegen Schalke - Currywurst-Prämie! Fohlen scharf auf TitelDSDS nach Recall-Abbruch - Kann Ole die Jury diesmal überzeugen?

Spiegel Online
Spott im Namen Darwins: Fisch frisst FischKochen für Experten: Hier werden Sie zum Küchenmeister