Von SUSANNE HENGESBACH, 26.07.05, 08:04h
Ich glaube, die meisten Kaffee-Gespräche leben von der Zwiesprache und würden anders verlaufen, säßen mehr Menschen mit am Tisch. Für Anna Heinemann hätte ich mir jedoch ein richtig großes Auditorium gewünscht; Mütter, Väter, Lehrer, Erzieher. Vielleicht hätten einige öfter mal genickt, so wie ich, und gedacht: Was sie sagt, klingt total plausibel! Aber weshalb hält man sich dann so wenig dran?
Unser Thema ist Kommunikation. Wir reden über das, was durch Sprache transportiert wird. Wo wir - vor allem im Umgang mit Kindern - ermutigen, bestärken, motivieren oder wo wir - meist unbewusst - Unsicherheit, Frustration und Mutlosigkeit fördern. Und je länger wir uns darüber austauschen, umso deutlicher wird jedenfalls mir bewusst, wie viel Ablehnung und Geringschätzigkeit viele unserer gängigen Mitteilungsmuster enthalten. Beispiel: „Musst du immer so kleckern?“ - „Kannst du nicht einmal die Gedanken beisammen halten?“
Anna Heinemann ist zweifache Mutter, allein erziehend, und sie ist unter anderem Kinder- und Jugendcoach. Was das heißt, frage ich. Sie arbeite mit denen, die den Stempel „Störer, Faulenzer, Verhaltensgestörter, Schulverweigerer“ haben; der Klientel also, die in der Regel in der Schule nicht klarkommt oder anders formuliert: Sie betreut solche, die in (oder an) der Regelschule scheitern. Wenn es nach ihr ginge, gäbe es bei uns erst gar keine Sonderschulen, sondern lediglich ein paar Änderungen in der Sichtweise und in der Methodik.
Die 38-Jährige ist eine Quereinsteigerin auf schulischem Gebiet und kommt eigentlich aus dem Bereich der visuellen Kommunikation. Was sie will, ist „den Tunnelblick verändern und ein Bewusstsein dafür schaffen, was uns einengt in unseren Möglichkeiten. Wieso soll ich Flussnamen auswendig lernen, wenn ich darin keinen Zusammenhang zu meinem Leben erkenne“, fragt sie. Was sie bei Vermittlung von Lehrstoff häufig vermisse, sei „die Geschichte dazu“.
Ihr selbst sei früh bewusst geworden, erzählt sie, wie viele Ideen und kreatives Potenzial auf der Strecke blieben, wenn man nur Befehlsempfänger und -ausführer sei. Ihrer Auffassung nach erliegen Eltern oft der Gefahr, für die Kinder zu denken anstatt mit ihnen. Anstatt immer wieder Feststellungen zu treffen, die nichts bewirken, sollten Wahrnehmungen und Empfindungen formuliert und ausgedrückt werden, die der andere teilen kann. Ich bitte sie um ein Beispiel, und sie nennt die so genannten „Warum“-Fragen, die sie nach Möglichkeit vermeide, „weil diese fast immer eine Absicht unterstellen“. Anstatt zu fragen: „Warum kommst du so spät nach Hause?“ bevorzugt sie die Variante: „Es wäre mir wichtig, dass du pünktlich nach Hause kommst, weil ich mir sonst Sorgen mache.“
ZWEI KAFFEE,
BITTE
Heinemann bedauert, dass bei der Beurteilung von Kindern viel öfter das gesehen werde, was fehlt, anstatt wahrzunehmen und hervorzuheben, was da ist. Und sie vermisse so oft das gemeinsame Ausprobieren von Dingen, wodurch so viel Spaß entstehe und vor allem auch Vertrauen gewonnen werde.
Das ist wieder so ein Moment, in dem ich nicke und denke: stimmt! Dennoch - da bin ich mir sicher - kommentieren auch weiterhin Hundertschaften von Eltern die ersten Kletterversuche des Nachwuchses mit den Worten: „Pass auf, gleich fällst du!“, anstatt die pädagogisch viel versprechendere Variante zu wählen und zu raten: „Kind, halte dich gut fest!“
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