Von M. STRUCK-SCHLOEN, 01.08.05, 07:18h
Alljährlich zur Festspielzeit überfluten neue Bücher den Grünen Hügel. Darunter ist diesmal der schöne Band „Sternstunden von Neu-Bayreuth“ mit Schwarzweißfotos von Ernst Gebauer. Auf einem Lichtbild sieht man Pierre Boulez im saloppen Polohemd an der Flanke seines Wagens, wie er einer Verehrerin lächelnd ein Autogramm gibt. Das war 1966, als Boulez erstmals den „Parsifal“ so flott dirigierte, dass die Festspielbesucher trotz der Hitze fröstelte. Nun steigt Boulez als 80-Jähriger noch einmal in den verdeckten Orchestergraben, um „Parsifal“ Klang werden zu lassen. Er tut es, natürlich, mit funkelnder Genauigkeit und Aufmerksamkeit für jeden musikalischen Moment - zugleich aber mit einer Liebe und Genusssucht, die man dem Analytiker nicht zugetraut hätte.
Samtig und blühend
Mag sein, dass Christian Thielemann die Musiker des Festspielorchesters am Vortag mit „Tannhäuser“ wieder in Form gebracht hat - jedenfalls hat man die Streicher selten so samtig und blühend, das Blech selten so feierlich und doch beweglich erlebt wie in diesem „Parsifal“. Zügig fließt das „Abendmahl-Thema“ im Vorspiel dahin; die Verwandlungsmusiken und Gralsritter-Chöre (fantastisch der von Eberhard Friedrich studierte Festspielchor) schwellen gigantisch an zu verzweifelter Emphase. Doch nie verordnet Boulez starre Tempi. Sein „Parsifal“ ist ein humanes Werk ohne angeschminkte Weihe, das dem Herzschlag echter Menschen folgt - wobei er den erotisch aufgeladenen zweiten Akt an den Rand des Infarkts treibt.
Christoph Schlingensief, der trotz aller Unkenrufe nach Bayreuth zurückkehrte, hat seine szenische Performance vom vergangenen Jahr überarbeitet. Neues Bildmaterial von seiner Islandreise im Mai durchzieht die Flut der Videobilder; vor allem aber hat er Parsifal und Kundry zwei (überflüssige) Doubles beigesellt, die ihr Innenleben und ihre sexuellen Obsessionen kommentieren. Ansonsten dominiert wieder die verwirrend vielschichtige Multivisions-Schau auf einer Drehbühne voller Baracken, bevölkert von einer multikulturellen Gesellschaft. Wäre Schlingensief nicht der lustvolle Provokateur: Man hätte beim abschließenden Buhgewitter Mitleid mit ihm haben können.
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