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Heidenspaß-Komitee stellt den Gegenpapst

Von SUSANNE HENGESBACH, 03.08.05, 07:28h, aktualisiert 02.09.05, 11:48h

Köln blickt frohlockend auf Weltjugendtag und Papstbesuch. Ganz Köln? Nein. Es mehrt sich Protest, und kirchenkritische Zeitgenossen bieten allerhand Gegen-Programm in "religionsfreier Zone".

Bild: Knieps
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Ein schwarzes Schaf und das Halteverbot-Zeichen für betende Hände symbolisiert die "Religionsfreie Zone".
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Ein schwarzes Schaf und das Halteverbot-Zeichen für betende Hände symbolisiert die "Religionsfreie Zone".
Köln blickt frohlockend auf Weltjugendtag und Papstbesuch. Ganz Köln? Nein. Es mehrt sich Protest, und kirchenkritische Zeitgenossen bieten allerhand Gegen-Programm in „religionsfreier Zone“.

Sie wollen Heidenspaß statt Höllenqual. Und den werden sie allem Anschein nach auch haben. Bei der Heidenspaßparty etwa oder bei der Kirchenaustritts-Fete. Sie stellen einen „Gegenpapst“, zelebrieren die „Eilige Messe“, planen einen Frei-Geisterzug, führen „Die Passion Christi“ auf und den Film „Cruzifix“ vor, diskutieren „wa(h)re Nächstenliebe“ und präsentieren eine Papstsammlung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

Sie, das sind Gruppierungen wie die Giordano Bruno Stiftung, Denkladen, Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), Kaos Kunst- und Video Archiv e.V. oder MIZ (Materialien und Informationen zur Zeit). Sie, das sind aber auch Privatpersonen - Künstler, Schriftsteller und „Normalbürger“, die sich als „Heidenspaß-Komitee“ zusammengefunden haben, um all denen Asyl zu gewähren, die sich von „der staatlich geförderten Frömmelei verfolgt fühlen“. Bei allem Spaß, so Komitee-Sprecher Michael Schmidt-Salomon, wollen wir aber auch, „dass Humanismus und Aufklärung, die die eigentliche Leitkultur eines modernen Rechtsstaates darstellen, auch als solche wahrgenommen werden. Früher habe die Friedensbewegung für „atomwaffenfreie Zonen“ gekämpft; heute, da ein Großteil der weltweiten Kriege und des Terrors religiös motiviert sei, hält es die Heidenspaß-Fraktion für angebracht, auch für „religionsfreie Zonen“ zu streiten. „Es gibt nicht nur ein katholisches, es gibt noch ein gottloses Köln“, sagt Notker Bakker, dem „der völlig unkritische Umgang mit dem WJT schon vor Wochen sauer aufgestoßen“ ist.

Nicht nur ihm, dem Regionalbeauftragten des IBKA-Nordrhein. Auch der Bildhauer Jacques Tilly, den Rheinländern seit Jahren bekannt als Wagenbauer im Düsseldorfer Rosenmontagszug, betrachtet die Bezeichnung „Weltjugendtag“ als „Anmaßung sondergleichen“. Da werde suggeriert, es ginge um alle Jugendlichen. Dabei verfolge die katholische Kirche ganz klare gesellschaftspolitische Ziele. „Man will Einfluss nehmen auf Politik, Gesetzgebung und gesellschaftliches Leben.“ Kardinal Meisner habe das Ziel doch klar definiert: Es laute „Reevangelisierung“. - „Und das in einer Gesellschaft, die zu einem Drittel konfessionsfrei ist“, ärgert sich Filmemacherin Ricarda Hinz, die mit zwei kirchenkritischen Beiträgen im WJT-Gegen-Programm vertreten ist.

Verärgert ist auch ein anderes Komitee-Mitglied, das den Künstlernamen Achmett Schachbrett trägt. „Es geht nicht darum, zur Intoleranz gegenüber Christen aufzurufen, sondern die Toleranz von denen zu fordern“, unterstreicht der Künstler. Ihn empört der WJT als „reiner Anbetungs-Event“. Anstatt die Diskussion innerhalb der Jugend zu fördern, würden hier - unter einer Art Woodstock-Mäntelchen - „zutiefst konservative Inhalte transportiert“.

„Wir wollen keine religiösen Gefühle verletzen“, betont der Freidenker Hans-Peter Keul, „sondern aufzeigen, welche Funktion Kirche in der Gesellschaft hat. Auch er kritisiert, dass das offizielle WJT-Programm kein Forum vorsehe, „wo frei diskutiert werden kann“. Das sei offenbar unerwünscht, mutmaßen auch die anderen Komitee-Mitglieder, die im Übrigen kritisieren, dass Bund, Land und Kommune einen Großteil der Kosten dieser Mammut-Missionierungsparty tragen. „Dabei“, findet Keul, „hat Köln doch eigentlich ganz andere Probleme und sollte wissen, dass man der Jugend nur helfen kann, indem man ihr materielle Grundlagen und Berufsperspektiven bietet anstelle von religiösem Brimborium.“ Tatsächlich werde im Bereich der Jugendarbeit und bei den Jugendeinrichtungen gekürzt, bilanziert Notker Bakker, und der WJT „mit Halleluja begrüßt“.

Was die Heidenspaß-Fraktion gehörig bedauert, ist, dass sich in einer Stadt wie Köln nicht längst öffentlich Widerspruch gegen den „Papa-Klamauk“ regte. „Viele aus der alternativen Szene flüchten wohl wie an Karneval“, glaubt Ricarda Hinz. Andere hielten wohl nolens volens still, meint Tilly, der die „religionsfreie Zone“ selbst mit einer spektakulären Aktion bereichern wird.

Apropos bereichern: Das Heidenspaß-Komitee hat durch seine Homepage schon viele begeisterte Reaktionen entfacht. Hier und da wollten Leute, die nicht selber nach Köln kommen können, zumindest Geld schicken. Und ein ketzerisches Grüppchen aus Friesland bat um Hilfe bei der Suche nach einer (un)christlichen Herberge.

 www.religionsfreie-zone.de



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