Von MILAN PAVLOVI´C, 04.08.05, 07:22h
Was kann schrecklicher sein, als eines Tages zu erfahren, dass das ganze eigene Leben eine Lüge war? Die Erinnerungen, Empfindungen und Träume: alles nur Daten, die implantiert oder durch jahrelange Berieselung ins Hirn gezwängt wurden; Ansichten von Klons, die nur als besseres Organlager existieren und unbewusst auf den Tag warten, an dem sie als Ersatzteile für ihre mit Reichtum gesegneten, aber mit körperlichen Handicaps behafteten Originale dienen sollen. Was passiert, wenn ein Klon hinter das Geheimnis seiner Existenz kommt, aufbegehrt und sich aufmacht, nach Antworten zu suchen? Das ist die faszinierende Ausgangsidee der „Insel“.
Ins Gedächtnis einbrennen wird sich dieser Fantasy-Thriller allerdings aus einem anderen Grund: Es ist der erste Film, den Michael Bay ohne seinen scheinbar ewigen Produzenten Jerry Bruckheimer gedreht hat - und es ist der erste Flop des Erfolgsregisseurs. Ein Jahrzehnt lang hat uns Bay mit zynischen, Technik-verliebten Action-Spektakeln bombardiert, die so unerhört schnell geschnitten waren, dass sich beim Betrachter die Netzhaut zu lösen drohte. Wahrscheinlich wäre einem auch die Hirnrinde weggeflogen, doch da das Kleinhirn bei Nonsens wie „Bad Boys“ und „Armageddon“ überhaupt nicht beansprucht wurde, bestand wenigstens da keine Gefahr. Bay landete fünf Publikumshits und wurde größenwahnsinnig. Bei „Bad Boys II“, einem der ekelhaftesten Filme überhaupt, machte er sich einen Spaß daraus, es seinen Kritikern zu zeigen: Er ließ Kleinhirne zerplatzen, Leichen furzen, alles Mögliche in die Luft fliegen. Es ist also nur gerecht, dass er für seine Menschenverachtung bestraft wurde. Kurios ist, dass es ihn ausgerechnet bei seinem ersten akzeptablen Werk traf.
Die erste Hälfte der „Insel“ ist sogar richtig gut. Deren Welt ist geradezu liebevoll erdacht: ein irrwitziger Industrie-Komplex in einer angeblich verseuchten Welt, deren Bewohner schuften, sich nicht begehren dürfen und am besten nur davon träumen, auf die letzte Naturidylle - die Insel! - zu dürfen. Der ebenso verwirrte wie neugierige Klon Lincoln Six-Echo (Ewan McGregor), der mehr träumt als die anderen, vieles in Frage stellt und die bildschöne Jordan Two-Delta (Scarlett Johansson) begehrt, kommt einem Teil der finsteren Wahrheit auf die Spur: Die Klone sollen nur das geistige Level von Sechsjährigen erreichen. Und die Insel ist eine Metapher für den Tag, an dem die Originale ein paar Organe brauchen.
Es ist ganz egal, dass „Die Insel“ schon in der ersten Hälfte so ziemlich alles klaut, was das Genre groß gemacht hat. Solange jemand aus Zitaten etwas Eigenes zimmert, soll er das machen. Es gibt am Anfang so viele hübsche Ideen, dass man sich kaum sattsehen kann. Zum Problem wird das erst, wenn Michael Bay Michael Bay zitiert: die Schießereien, Stunts und dämlichen Aufnahmen schwarzer Helikopter. Plötzlich tauchen Plotlöcher auf, Logik wird wieder ganz klein geschrieben, und der romantische Höhepunkt wird eine traurige Lachnummer.
Aber vielleicht ist die Erklärung ganz einfach: Erst hatte man einem Klon die Regie übertragen. Doch dann ergriff der wahre Michael Bay das Zepter. Der mit dem geistigen Niveau eines Sechsjährigen.
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