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Sind die Figuren nicht mehr zu retten?

Von ANJA KATZMARZIK, 11.08.05, 07:37h

Die Steinfiguren am Turm des Historischen Rathauses sind stärker geschädigt als befürchtet. Die 124 Figuren werden bis Jahresende ab- und wahrscheinlich nicht wieder aufgebaut. Eine Finanzierung von Duplikaten ist noch ungeklärt.

Bild: Worring
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Ortstermin vor Wilhelm Sollmann (vorne) und Josef Haubrich: Die feinen Risse sind deutlich zu erkennen.
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Ortstermin vor Wilhelm Sollmann (vorne) und Josef Haubrich: Die feinen Risse sind deutlich zu erkennen.
Die 124 Figuren am Turm des Historischen Rathauses werden bis Jahresende ab- und wahrscheinlich nicht wieder aufgebaut.

Der heilige Kunibert sieht ganz schön alt aus. Wilhelm Sollmann ergeht es nicht viel besser. Und Josef Haubrich hat auch schon bessere Zeiten erlebt. Die Rathausturm-Figuren sind argen Kräften ausgesetzt. Von Wind und Wetter mal ganz abgesehen, scheint es dazu vor rund zehn Jahren, als das Figurenprogramm für viel Geld erneuert wurde, zudem eine eklatante Fehlentscheidung hinsichtlich des Materials gegeben zu haben.

Nach einem ersten Zwischengutachten zur genauen Analyse der Schäden in dem Weiberner Tuffstein, die nach einem Sturm vor zwei Jahren entdeckt worden waren, und einem so genannten Werkstattgespräch mit dem Chefrestaurator Professor Thomas Lehmkuhl zeichnet sich ab: Die Skulpturen werden ab- und wohl nicht wieder aufgebaut.

„Ein solches Ergebnis wäre nicht überraschend“, räumt Gebäudemanagement-Chef Engelbert Rummel ein, ohne das ausstehende Endergebnis des Gutachtens vorweg- nehmen zu wollen. „Aber so weit sind wir noch nicht.“ Ein Künstler, der zwei der Figuren derzeit angefertigt hatte, wird deutlicher: „Die Figuren sind nicht mehr zu retten“, will er erfahren haben.

Fest steht: Das Gerüst, das derzeit wegen der Fassadenrenovierung angebracht ist, soll bis Jahresende verschwinden - und mit ihm die steinernen Zeitzeugen. Zumindest vorerst. Rummel: „Mit einer teilweisen Sanierung ist es nicht getan. Die Schädigung schreitet voran.“ Selbst für Laien sind die Risse und abgeplatzten Stellen vom Gerüst aus deutlich zu erkennen. Die Skulpturen könnten zu einer Gefahr für die Passanten auf dem Rathausvorplatz werden. „Deshalb müssen sie runter.“ Für immer?

„Die Amtliche Materialprüfungsanstalt Bremen ist derzeit dabei, Proben von fünf unterschiedlich geschädigten Figuren verschiedenen physikalischen und chemischen Prüfungen zu unterziehen“, erläutert Dr. Marion Grams-Thieme aus dem Amt des Stadtkonservators. Doch auch die Kunsthistorikerin reagiert sehr skeptisch auf die Frage, ob die Figuren auf den Turm zurück- kehren können. „Wohl eher nicht.“

Können die Figuren nicht repariert werden, müsste für jede von ihnen zumindest ein Abdruck sowie nach dem Prinzip eines Bronzegusses ein Duplikat aus Natursteinmasse erstellt - und bezahlt - werden. Doch ob sich dafür erneut Sponsoren finden? Namhafte Stifter aus der Kölner Bürgerschaft und Wirtschaft hatten für jede der neuen Figuren 20 000 Mark bezahlt. Die Mäzene fühlen sich seit Entdeckung der Schäden um ihr Geld betrogen. 119 der 124 Skulpturen mussten von 57 Künstlern neu geschaffen werden, fünf Figuren waren noch restaurierfähig. Die Gesamtkosten hatten 2,4 Millionen Mark betragen.

Nach einem großen Unwetter vor zwei Jahren waren Fassadenteile herabgestürzt und dabei auch Risse in den Figuren sichtbar geworden. Figuren, die erst neun Jahre zuvor angefertigt und befestigt worden waren. Seither streiten sich die Verantwortlichen für Konservierung, Anbringung und Denkmalschutz in der Schuldfrage.

Nach dem Zwischenbericht des Gutachters soll die umstrittene Tränkung durch Acrylharz zur Imprägnierung nicht die Ursache für die Schäden sein, berichtet Rummel. Auch die starre Befestigung soll nicht der Grund für den Zustand sein.

Rummel vermutet, dass in dem Entscheidungsprozess rund um Optik, Herkunft, Preis und nicht zuletzt das Material selbst seinerzeit zu viele Stellen - vom Dombaumeister bis zum Hochbauamt - beteiligt waren. Wurde zu sehr aufs Geld geschaut, damit eine Figur für Stifter erschwinglich blieb? War das Gestein selbst ungeeignet? Rummel: „Da kann eine falsche Auswahl getroffen worden sein.“ Grams-Thieme spricht von einer „Verkettung unglücklicher Umstände“, die letztlich nicht mehr zu rekonstruieren sei.

Nun soll gerettet werden, was zu retten ist. „Einen Ratsturm ohne Figuren können wir uns auf Dauer nicht leisten“, untermauert Engelbert Rummel seinen Willen „eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung zu finden“. „Wir sind nicht zuletzt den Stiftern der Figuren gegenüber verpflichtet. Man kann nicht immer nur an plumpe Haushaltsfinanzierung denken.“ Diese Geldgeber dürften nicht allein gelassen werden, so Rummel. Der Gebäudechef will in Absprache mit den Stiftern vorgehen. „Das ist eine sehr sensible Frage.“



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