Erstellt 07.08.05, 15:05h
Alles haben die Wissenschaftler bis ins kleinste Detail berechnet, vorausgesagt, eingeplant. Und dennoch werden am Montagmorgen nicht nur die Angehörigen der Astronauten beten. Trotz all demonstrativer Zuversicht über das Gelingen einer sicheren Landung werden auch im NASA-Lagezentrum von Houston viele auf himmlischen Beistand hoffen: "Hier gibt es nicht viele sentimentale Leute. Aber es wird eine Menge Gebete geben", sagte der stellvertretende Shuttle-Manager Wayne Hale.
Denn auf allen lastet der Albtraum der "Columbia"-Katastrophe vom 1. Februar 2003, als die Fähre mit sieben Astronauten beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglühte und zerbrach. Erst wenn die "Discovery" tatsächlich um 10.46 Uhr MESZ auf dem Weltraumbahnhof in Cape Canaveral (Florida) gelandet ist, kann das nächste Kapitel der bemannten US-Raumfahrt aufgeschlagen werden.
Denn von einer glücklichen, unkomplizierten Rückkehr hängt nicht nur das Wohlergehen der Crew ab, sondern auch die Zukunft des umstrittenen Shuttle-Programms. Denn alle wissen, dass mit der "Discovery" ein Oldtimer der Weltraumfahrt zur Erde zurückkehrt - und das Nachfolge-Modell ist noch lange nicht fertig.
Wenn die "Discovery" in die Erdatmosphäre eintritt, wird sich kaum einer in Houston oder Cape Canaveral der Erinnerung an die hoch über Texas auseinander brechenden "Columbia" entziehen können. "Es hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren sowieso keinen Tag gegeben, an dem ich nicht mit dem Gedanken an die "Columbia" ins Zentrum kam", gestand Shuttle-Flugdirektor Paul Hill ein. Sieben Minuten nach dem Eintritt in die Atmosphäre war damals die "Columbia" zerborsten.
Zwar zeige der Hitzeschild der "Discovery" nach NASA-Angaben keine Beschädigung wie damals bei der "Columbia" - aber dennoch wurde auch diesmal beim Start Isolierstoff von den Treibstofftanks auf die Fähre geschleudert. Um 9.43 Uhr MESZ werden deshalb die NASA-Verantwortlichen den Atem anhalten. Dann nämlich verlässt die Raumfähre ihre Erdumlaufbahn in 360 Kilometern Höhe und setzt zum Landeanflug an. Etwa eine knappe halbe Stunde später soll sie in 122 Kilometern Höhe in die Erdatmosphäre eindringen. Auf bis zu 1650 Grad wird dann die Reibungshitze am Schild des Raumfahrzeugs ansteigen.
Die Anflugroute der "Discovery" führt über Nicaragua, Honduras, die Karbik und Kuba hin zum Weltraumzentrum in Florida. Die Astronauten werden auf ihren Sitzen wie festgeklebt den Sturz zur Erde erleben. Wenn sie aus den Fenster schauen, können sie nur rot-und weiß-glänzende Gaswolken wahrnehmen. Auf der letzten Etappe wird "Discovery"-Pilot Jim Kelly noch einige Manöver zum Abbremsen der Fähre fliegen.
Im Kennedy Space Center in Cape Canaveral warten die Angehörigen, die rund eine Stunde nach der Landung ihre Lieben in die Arme schließen sollen. "Ich bin sehr zuversichtlich", meinte Pat Youngs, Ehemann der "Discovery"-Kommandantin Eileen Collins, der mit seinen beiden Kindern seine Frau empfangen wird. "Die Familien der Irak-Soldaten müssen sehr viel mehr Ängste als wir aushalten", sagte er nüchtern. Nach der Begegnung mit den Familien werden die Astronauten medizinisch untersucht, und "frühestens sechs Stunden nach der Landung wird es eine Pressekonferenz geben", berichtete die NASA.
Die US-Raumfahrtbehörde sprach schon vor der Landung von einer "erstaunlich erfolgreichen Mission" - dabei ist die Angst groß, das Shuttle-Programm könne wegen der vielen Probleme die politische Unterstützung verlieren. Kommandantin Collins, die sich schon aus dem All für alle Fürbitt-Gebete bedankte, sprach sich dafür aus, dass man nicht nur für die Astronauten um Beistand bitten sollte - sondern auch "für das Weltraumprogramm, weil es eine großartige Sache für die ganze Menschheit ist". Auf jeden Fall ist es eine spannende. (dpa)
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