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„Die Branche Korruption wächst“

Von KLAUS DIETER OEHLER, 13.08.05, 09:18h

Auf rund 100 Milliarden Euro wird der Schaden durch Wirtschaftsstraftaten in Deutschland geschätzt. Ein Skandal jagt derzeit den nächsten. Vorbeugung tut Not, ist aber schwierig.

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Mit ein paar Scheinen extra läuft es für die Geschäftsleute in manchen Ländern wie geschmiert.
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Mit ein paar Scheinen extra läuft es für die Geschäftsleute in manchen Ländern wie geschmiert.
Ein Skandal jagt derzeit den nächsten. Vorbeugung tut Not, ist aber schwierig.

Frankfurt - Die Schlagzeilen häufen sich. Erst rückte der Vertrieb von Daimler-Chrysler in den Blickpunkt, weil dort 17 Manager bei Geschäften gemauschelt haben sollen. Dann platzte bei VW die Bombe: Mehrere Manager sollen sich unter tatkräftiger Mithilfe von Betriebsratsmitgliedern selbst bereichert haben. Infineon-Vorstand Andreas von Zitzewitz tritt zurück, weil auch er Schmiergeld kassiert haben soll, Commerzbank-Mitarbeiter sollen in Russland Beihilfe zur Geldwäsche geleistet haben, und die US-Börsenaufsicht ermittelt gegen Daimler-Chrysler-Manager wegen möglicher Unregelmäßigkeiten bei Irak-Geschäften. Ist die deutsche Wirtschaft zu einem Sündenpfuhl geworden? Experten sind sich uneins. Während etwa die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International keinen allgemeinen Anstieg der Bestechung und Bestechlichkeit in Deutschland ausmachen kann, ist der Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner davon überzeugt, dass die „Branche Korruption“ in Deutschland wächst. „Bestechen gehört nach verbreiteter Überzeugung zum freien und erfolgreichen Wirtschaften“, meint der Ermittler. Und auch die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre gibt sich fatalistisch: „Uns überrascht nichts mehr.“ Beim Bundeskriminalamt verweist man darauf, dass die Zahl der Ermittlungsverfahren von Jahr zu Jahr stark schwanke, ein klarer Trend lasse sich nicht ausmachen. Es sei jedoch zu befürchten, dass bei Firmen und Verbrauchern auf Dauer „das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der geltenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung schwinden“ könnte.

Genaue Zahlen über die Fälle von Wirtschaftskriminalität oder den dadurch entstandenen Schaden sind schwer zu bekommen. Das Statistische Bundesamt weist zwar für 2003 einen Schaden von 6,3 Milliarden Euro aus, doch das ist nach Ansicht von Experten nur die Spitze des Eisbergs. Die meisten Fälle würden „hausintern“ geregelt, oft unter Zuhilfenahme externer Berater wie etwa das weltweit agierende Unternehmen „Control Risks“. Dessen Experten schätzen den Schaden allein für die deutsche Wirtschaft auf rund 100 Milliarden Euro. Nach einer Studie der Wirtschaftsprüfer von Price Waterhouse Coopers (PWC) gaben bei einer Umfrage immerhin 40 Prozent der deutschen Unternehmen an, in den vergangenen Jahren Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden zu sein.

Das Hauptproblem ist nach Ansicht der Experten, dass die Grenzen zum strafrechtlich relevanten Vergehen fließend sind. Bis 1999 etwa waren im Ausland gezahlte Schmiergelder in Deutschland noch steuerlich absetzbar. In vielen Ländern waren Geschäfte nur mit Hilfe von „Provisionen“ abzuschließen. Daraus habe sich bei manchen Mitarbeitern eine gewisse „Lässigkeit“ ergeben, meint ein Wirtschaftsanwalt. Experten beklagen, dass die Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität in Deutschland - anders als in den USA - keine strategische Aufgabe des Top-Managements sei.

Mit internen Kontrollmechanismen könnte man die Kriminalität eindämmen, meinen die Experten. So haben etwa die Frankfurter Fraport AG oder die Bahn aus der Vergangenheit Lehren gezogen und Korruptionsbeauftragte eingesetzt. Bei einem Ombudsmann können sich Mitarbeiter anonym melden, wenn ihnen Vorgänge dubios erscheinen. Jürgen Marx, Leiter der Ermittlungen bei der Bahn, betont, dass die Zahl der Korruptionsfälle seitdem deutlich zurückgegangen ist. Für PWC ist Transparenz das beste Mittel, den Sumpf der Wirtschaftskriminalität trocken zu legen.

Die Erfahrungen, die der Bahn-Ombudsmann und Anwalt Rainer Buchert gesammelt hat, will er mit anderen Experten in einem europaweit einzigartigen Studiengang weitergeben. Im September startet in Berlin an der Steinbeis-Hochschule die erste Studienklasse für Risikomanagement und Prävention von Wirtschaftskriminalität. „Es wird Zeit, Experten zu schulen, die das Übel bei der Wurzel packen und die Kontrollmechanismen in den Unternehmen optimieren“, meint Buchert. Denn Daimler, VW oder Infineon sind keine Einzelfälle.



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