kalaydo logo
stellen
auto
immobilien
marktplatz
inserieren
Schriftgröße

Schatten über dem Weltjugendtag

Von MARKUS GÜNTHER, 18.08.05, 07:00h, aktualisiert 18.08.05, 07:27h

Die Ermordung von Frère Roger hat weltweit Bestürzung ausgelöst. USA-Korrespondent Markus Günther hat einen ganz persönlichen Rückblick auf den getöteten Gründer der Bruderschaft Taizé verfasst.

Bild: afp
Bild vergrößern
Frère Roger (12. Mai 1915 - 16. August 2005.
Bild: afp
Bild verkleinern
Frère Roger (12. Mai 1915 - 16. August 2005.
Bild: Archiv
Bild verkleinern
Unser Autor Markus Günther (39) ist seit 2001 USA-Korrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger" mit Sitz in Washington. Zuvor hatte er fünf Jahre aus Brüssel berichtet.
Bild: Archiv
Begegnungen mit Frère Roger: ein persönlicher Rückblick auf den ermordeten Gründer der Bruderschaft Taizé.

Die erste Begegnung mit Frère (Bruder) Roger liegt fast auf den Tag genau 20 Jahre zurück. Wir waren noch Schüler, als wir im August 1985 in einem Nest in Südfrankreich strandeten, müde und vollkommen pleite. Irgendwo hatten wir das Gerücht aufgeschnappt, es gebe in der Nähe eine Art Kloster, in dem Jugendliche jederzeit kostenlos unterkommen könnten. Was es genau damit auf sich hatte, war uns damals egal. Wir waren nicht auf der Suche nach Gott, sondern nach einem Platz zum Schlafen und einer warmen Mahlzeit. Und beides gab es tatsächlich, als wir schließlich in Taizé ankamen, ohne Gewissensprüfung und lästige Fragen.

Und gleich am ersten Abend trafen wir Frère Roger. Nach dem Zufallsprinzip waren aus den vielleicht 500 oder 800 Jugendlichen, die gerade da waren, 20 für eine Begegnung mit ihm am späten Abend ausgewählt worden. Wir warteten im Speisesaal der Bruderschaft - es war schon nach 22 Uhr - und bekamen eine Tasse Kakao. Als Frère Roger kam, begrüßte er jeden Einzelnen, setzte sich dann hin, sprach ein kurzes Gebet und stimmte ein Lied an. Das war alles, die Veranstaltung war schon wieder beendet. Doch den größeren Teil der Nacht verbrachten wir mit hitzigen Debatten, was man nun davon halten sollte.

Dabei waren die Meinungen so verschieden wie unsere Sprachen, doch in einem waren wir uns einig: Der alte Mann im weißen Gewand - er war damals schon 70 Jahre alt - hatte eine überwältigende Ausstrahlung. Er fesselte, er zog zu sich hin, er entwaffnete, und das alles mit - ja womit eigentlich? Da gingen die Meinungen wieder auseinander. Manche sagten, es sei seine Stimme, aus der eine besondere Ruhe und Güte klang; andere meinten, es seien seine Augen, die fröhlichen, immer lächelnden Kinderaugen in seinem faltigen Gesicht.

Wir sind dann noch oft nach Taizé gefahren, und dann immer zu den Jugendtreffen am Jahresende in einer europäischen Metropole. London, Rom, Paris - es waren nicht nur Pilgerreisen, sondern auch billige Gelegenheiten, etwas von der Welt zu sehen, Sprachen zu lernen und den Austausch mit Jugendlichen aus vielen Ländern zu erleben. Der Weltjugendtag in der heutigen Form hat im Grunde nur die Idee der Taizé-Treffen aufgenommen. Es ging schon damals eher fröhlich als fromm zu, doch die gemeinsame Wegsuche mit anderen hinterließ auch Spuren im eigenen Weltbild und Glauben.

1994 kam ich als Journalist nach Taizé zurück und wohnte für eine Reportage eine Woche lang in der Bruderschaft. Viele Stunden habe ich damals mit Frère Roger verbracht. Es waren, vor allem zu Beginn, seltsame Gespräche. Ich stellte neunmalkluge Fragen wie: „Sehen Sie sich heute noch als Protestant?“ Und: „Wie nahe stehen Sie dem katholischen Eucharistieverständnis?“ Frère Roger, so schien es mir, ging auf meine Fragen überhaupt nicht richtig ein. Theologische Debatten interessierten ihn offenbar nicht. Er redete immer von „Versöhnung“ und „Liebe“, von „Betrachtung“ und „Erfahrung“, am häufigsten aber vom „Vertrauen, das aus dem Herzen kommt“. Für journalistische Zwecke war das alles völlig unbrauchbar. Besonders in Erinnerung ist mir der letzte Abend, den ich damals in Taizé verbrachte. Frère Roger hatte mich zum Abendessen eingeladen. Ich kam um 18 Uhr in sein Zimmer. Auch als Prior der Gemeinschaft bewohnte er einen Raum, der kaum größer war als eine Klosterzelle.

Darin stand ein einfaches Bett, daneben lagen ein paar Bücher, an der Wand hing eine Ikone. In der Ecke stand ein gedeckter Holztisch ohne Tischdecke. Einer der Brüder brachte Fisch und Wein, und ich unternahm einen letzten Versuch, mit Frère Roger ein Interview zu führen. Doch es ging einfach nicht. Freundlich und ohne jede Ungeduld gab er mir immer neue Antworten, die mit meinen Fragen nichts zu tun hatten. Dabei verwickelte er mich immer stärker in ein Gespräch, in dem nun plötzlich er die Fragen stellte und ich antwortete.

Er fragte nach meinen Eltern, nach meiner Kindheit und meinen Zukunftsträumen - und ich gab viel mehr von mir preis, als mir im Nachhinein lieb war. Denn als Journalist hatte ich in diesem Gespräch völlig versagt.

Dennoch habe ich noch gern und oft an diesen Abend gedacht. Zum Nachtisch gab es Bratäpfel, und Frère Rogers Stimmung wurde immer besser. Er sagte zufrieden: „Le jour s'est bien passé.“ - Es war ein guter Tag. Die Glocken läuteten zum Abendgebet, und er lud mich ein, mit ihm in die Kirche zu kommen.

Wir liefen durch die Dunkelheit hinüber zur „Kirche der Versöhnung“ von Taizé. Dann trennten sich unsere Wege, er nahm den Hintereingang und schickte mich nach vorn. Zum Abschied sagte er mir: „Das Wichtigste im Leben ist Vertrauen.“ Ich wollte ihn noch fragen, was genau er damit meint und warum er es gerade jetzt und gerade mir sagt. Doch da war er schon in der Dunkelheit verschwunden.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Stadtmenschen Community


World Youth Day Cologne


WJT-Fotolines


WJT-Splitter


Das WJT- Programm


Das Papstprogramm


Daten und Zahlen


Köln Guide


Weitere Infos zum WJT


Links für Touristen


KSTA-Service