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„Das Leben ohne ihn wird schwieriger“

Von HARALD BISKUP UND DANIEL PELZ, 18.08.05, 07:00h

Die Nachricht vom gewaltsamen Tod des Ordensgründers überschattet die fröhliche Grundstimmung des Weltjugendtages.

Die Nachricht vom gewaltsamen Tod des Ordensgründers überschattet die fröhliche Grundstimmung des Weltjugendtages.

Bonn / Köln - „Stille“, „Silence“, „Silenzio“. Die Aufforderung auf den weißen Schildern an den Säulen des

Bonner Münsters werden geflissentlich ignoriert. Nach zwei Stunden Katechese im „Geistlichen Zentrum“ macht sich Unruhe breit. Handys klingeln, statt andächtiger Ruhe vielsprachiges Palaver. Die Nachricht vom gewaltsamen Tod von Frère Roger, wie sie ihn hier alle nennen, ist noch so unfassbar, dass die jungen Leute einfach das Bedürfnis haben, darüber zu reden. Auf dem Boden hocken kleine Gruppen und scheitern mit dem Versuch, dem Unerklärlichen irgendeinen Sinn zu geben. „Why?“ - Warum? - kritzelt ein Junge aus Sydney / Australien auf

die Rückseite eines Liedzettels. Eine junge französische Nonne hält den neuesten Rundbrief der Kommunität in den Händen. „Eine Zukunft in Frieden“ ist der Text von Roger Schutz überschrieben. Eine Art Vermächtnis.

Helfer mit der „Psssst“-Geste mahnen zur Ruhe, aber der Gesprächsbedarf ist weiter groß. Ohnehin lässt sich die schwer zu beschreibende besondere Aura von Taizé nicht so ohne weiteres auf einen anderen Ort übertragen. Die Tücher in warmem Orange, mit denen der Altarraum ausgeschlagen ist, und Dutzende brennender Kerzen sollen etwas erahnen lassen von der einzigartigen spirituellen Atmosphäre von Taizé.

Für die Jugendlichen in der Münsterkirche zählt Roger Schutz zu den großen, aber raren christlichen Identifikationsgestalten wie Martin Luther King oder Mutter Teresa. Ein alter Mann als Jugendidol. Für die Abiturientin Anne-Katrin aus Schwaben, die schon an mehreren Jugendtreffen teilgenommen hat, ist Taizé ein Lebensgefühl: „Natürlich und offen, angstfrei und dadurch total hoffnungsvoll. Da wird nicht alles sofort rational abgeklopft und kritisch hinterfragt.“ Sie erinnert sich an einen Ausspruch von Schutz, der die eigentümliche Faszination von Taizé genau beschreibe: In Taizé gebe es keine Meister, nur Diener, und statt Kirchen-Hierarchie könne man den lebendigen Gott erfahren. Trotz aller Trauer und Betroffenheit darüber, dass der Mann, dessen Lebensinhalt Versöhnung gewesen ist, kurz nach seinem 90. Geburtstag Opfer einer Gewalttat wurde, vermeiden die zum Weltjugendtag angereisten Ordensbrüder alles, was ihre beiden geistlichen Zentren in Bonn und Köln als Roger-Kultstätten erscheinen lassen könnte. Keine Video-Einspielung, kein großformatiges Bild mit Trauerflor, nicht mal ein Foto. In der Kölner Agnes-Kirche liegt ein Kondolenzbuch aus. Am Nachmittag kommt Kardinal Meisner, um seine Anteilnahme zu bekunden. Frère Roger werde die Herzen der Jugendtags-Gäste vom Himmel aus öffnen. Eben noch haben die Jugendlichen beim Schlusslied ekstatisch ihre Arme in die Höhe gerissen, den Refrain ein ums andere Mal wiederholt und dazu rhythmisch geklatscht. „Taizé ist Wellness“, sagt der 19-jährige Marek hinterher, „Wellness für die Seele.“

Draußen in der Sonne sieht man viele verweinte Gesichter. „Leben ohne ihn wird schwieriger“, meint die Slowakin Annamaria Jakob. Bis sechs Uhr hat sie in einer Pilgerunterkunft geholfen, um drei kam die Nachricht per SMS. Sie kommt gerade aus der Krypta, wo sie still für ihn gebetet hat. „Ein Mord an diesem Ort des Friedens, einfach nur schrecklich.“ Jedes Jahr fährt sie nach Taizé. „Wo sonst spürt man so deutlich, dass die Konfessionen friedlich zusammenleben können?“



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