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Freude in der Unterstimme

Von MARKUS SCHWERING, 31.08.05, 07:02h

Die späte und ungewöhnliche Karriere des Pianisten Michael Korstick: Mit 49 Jahren erhielt er den renommierten Echo-Klassik-Preis. Soeben hat er mit einer Gesamtaufnahme des Beethovenschen Solo-Klavierwerks begonnen.

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Michael Korstick
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Michael Korstick
Soeben hat er mit einer Gesamtaufnahme des Beethovenschen Solo-Klavierwerks begonnen.

„Gucken Sie mal“ - Michael Korstick zeigt auf die Partitur des letzten Satzes von Beethovens letzter Klaviersonate, während aus dem CD-Player seine Aufnahme des Werkes erklingt: „Die 32stel in der rechten Hand sind immer ein bisschen anders, aber hier sind sie auf einmal völlig gleichförmig, uninteressant. Das muss doch einen Grund haben.“ Hat es auch: Korstick weist auf die Terzen der linken Hand, wo in der Unterstimme der Beginn von „Freude, schöner Götterfunke“ zu sehen ist. Zu sehen - auch zu hören? Eigentlich nur, wenn man drauf gestoßen wird. Beim Spielen stellt Korstick das „objet trouvé“ nicht wichtigtuerisch heraus, aber es ist „da“, auf dass es womöglich das Unterbewusstsein des Hörers formiert.

Michael Korstick ist ein Pianist, der sich skrupulös vertieft in die Geheimnisse der Mittelstimmen, in die Kellerabteilungen der Musik, für den es keine Zufälle, keine Beliebigkeiten, nichts Unverbindliches gibt, sondern - gerade beim späten Beethoven - eine „Zwanghaftigkeit“, die auch den Interpreten dem Sog des „So und nicht anders“ aussetzt. Sie sieht er auch in den Diabelli-Variationen, die er soeben beim Label Oehms Classics herausgebracht hat - als Eröffnungs-CD einer Gesamtaufnahme des Beethovenschen Klavierwerks: „Beethoven konnte nicht anders, in der Abfolge der Variationen steckt eine ungeheure psychologische Zwangsläufigkeit - es ist wie ein Zug auf abschüssiger Strecke, der dann gegen den Prellbock des Schlussakkords fährt.“

Genauso spielt Korstick: Am Ende des monströsen Verwandlungsprozesses steht ein „Tempo di Minuetto“, das kaum verhüllt die Arietta aus der letzten Klaviersonate zitiert - Diabellis ist Beethovens Thema geworden. Aber für Korstick ist bereits der Walzer des Wiener Verlegers kein harmloses Entrée, sondern eine Beethovensche Erfindung: Hart knallen die Kadenzbässe - die für den ganzen Zyklus konstitutiven Quarten und Quinten, stählern kommen die Schlussformeln. Und die Repetitionsfiguren der Fuge - „des reinigenden Gewitters“ - hämmert Korstick so in den Flügel hinein, dass man um dessen Überleben fürchtet. Das ist nicht nett, nicht glatt, nicht auf eine konventionelle Weise „schön“. Und aller pianistischen Unfehlbarkeit zum Trotz auch nicht brillant. Das ist explosiv, aufgeraut, konstruktivistisch, extrem nach oben wie nach unten - kein Beethoven für Weicheier.

Aber wer ist Michael Korstick? Vor kurzem wäre diese Frage noch in höherem Maße berechtigt gewesen. Denn soeben hat er für seine 2004 bei Ars musici veröffentlichte Interpretation von Schuberts letzter Klaviersonate den Echo-Klassik-Preis eingefahren - und sich damit in eine Reihe mit Anna Netrebko, Hélène Grimaud, Anne-Sophie Mutter und Claudio Abbado gestellt.

Die Auszeichnung erreicht den gebürtigen Kölner, der mit seiner koreanischen Frau in Neunkirchen-Seelscheid lebt, mit 49 Jahren. Das ist ein Alter, in dem andere Karrieren erlöschen - und ungewöhnlich in einer Zeit, die die 15-jährigen Youngsters anzubeten und zu vermarkten liebt. Bitterkeit angesichts des späten Ruhms? Nichts davon bei dem Mann mit der schlaksigen Figur und dem dichten schwarzen Haar, der das Gespräch mit freundlich-uneitler Gelassenheit führt, der auch schon mal deftig in der Wortwahl wird und allenfalls, wenn er auf die Noten zu sprechen kommt, mehr als nur eine Spur leidenschaftlicher Unerbittlichkeit spüren lässt: „Das kommt für mich genau richtig - ich hatte Zeit, mich vorzubereiten.“

Trotzdem die Frage: Warum erst jetzt? Ein Wunderkind war der Sohn des Kölner Altkatholiken-Pfarrers nie gewesen. Beginn des Klavierspiels mit neun, erster Preis bei „Jugend musiziert“ mit elf; hochbeachtete Auftritte bei Schülerkonzerten des Gymnasiums Kreuzgasse, Student an der Rheinischen Musikschule. In dieser Zeit eignete sich Korstick dann mal während der Sommerferien Brahms' B-Dur-Konzert an, auch Beethovens Hammerklaviersonate. Er spielte letztere auf Band und schickte es an Sascha Gorodnitzki, den legendären Klavierlehrer an der Juilliard School. Der erzählte etwas von der besten Hammerklaviersonate, die er je gehört habe, besorgte Korstick ein Stipendium und holte ihn 1976 für acht Jahre als Schüler nach New York.

Gorodnitzki hielt ihn freilich an der langen Leine, akzeptierte, dass der Deutsche einen eigenwilligen Kopf hatte. Die Frage nach Vorbildern macht ihn, der stets der eigenen reflektierten Intention folgt, dann auch eher ratlos. Vladimir Horowitz - den er in New York noch gehört hat? Immerhin findet er sich zu dieser Hommage herbei: „Wie man das Instrument behandelt und welche klanglichen Möglichkeiten das Klavier hat - das konnte man bei Horowitz lernen. Bei vielen Pianisten hört man gar nicht, was es da für Möglichkeiten gibt: Außer Michelangeli hat keiner das Klavier so verstanden wie Horowitz.“ Dann gleich der Nachsatz: „Horowitz imitieren zu wollen ist lächerlich - und es hat ja auch keiner geschafft.“

In New York legte Korstick erste öffentliche Auftritte hin, er bekam weitere Preise - auch in Deutschland -, stieg nach der Rückkehr in das Leben eines Konzertpianisten ein, das ihn durch Europa, nach Ostasien und Südamerika führte. Aber der große Durchbruch blieb aus. 1998 dann endlich dank eines Sponsors die erste CD: Beethovens drei letzte Klaviersonaten bei Ars musici. Die Einspielung erregte Aufsehen dank der ungewohnten Sicht auf die überinterpretierten Werke, ähnlich wie eine Russen-CD im Jahr drauf, die zeigte, dass Korstick nicht „Doctor Beethoven“ (sein New Yorker Spitzname) ist. Aber das Echo blieb ein Strohfeuer: „Da hab' ich mir dann irgendwann gesagt: Jetzt musst du nachlegen.“ Tat's und spielte auf eigenes Risiko Hammerklaviersonate (plus Waldsteinsonate) und eben Schuberts große B-Dur-Sonate D 960 ein, die dann den Echo-Preis nach sich zog.

Und da war er, der KarriereKick - obwohl Korstick noch heute ärgert, dass sich die Kritiker im Fall von Opus 106 nahezu ausschließlich auf seine Tempowahl stürzten („Das hört doch jeder Idiot.“): Tatsächlich hatte er abgesehen vom langsamen Satz Beethovens weiland als unspielbar geltende Metronom-Vorschriften minutiös befolgt und auch in der höllisch schweren Fuge keinen Augenblick im Tempo nachgelassen. Aber diese Tempi sind für ihn eben kein Selbstzweck, sondern stehen in engstem Zusammenhang mit seinem Gestaltungswillen.

Das gilt auch für den extrem langsam genommenen Eröffnungssatz der Schubert-Sonate: „Das ist kein Alla-breve, wie es meist gespielt wird, sondern jedes Viertel bekommt seinen Schlag - sonst hätte Schubert es anders notiert.“ Texttreue ist nicht alles, aber ohne Texttreue ist alles nichts - dieses Bekenntnis führte in der Schubert-Interpretation zu einer magisch schwebenden, quasi aus der Zeit ausgestiegenen Klang-Zuständlichkeit. Und dank eines bezwingend dichten Legatos sowie sorgfältigster Artikulation und Phrasierung auch unscheinbarster Details bricht der Spannungsbogen nie zusammen.

Schubert, Beethoven, Haydns f-Moll-Variationen - ist Korstick ein Mann für Spätwerke? Er hält das eher für Zufall: „Ich hätte die Hammerklaviersonate auch gespielt, wenn Beethoven sie mit 25 geschrieben hätte - was natürlich nicht möglich gewesen wäre.“ Und Korstick kann auch anders, hat das 1940 entstandene Klavierkonzert des durch Polanskis „Pianist“-Film zu Ehren gekommenen Polen Wladyslaw Szpilman eingespielt. Das ist ein jazziges Stück mit Gershwin-Allusionen, zugleich ein Schmachtfetzen, dessen süffigen Rubati Korstick nichts schuldig bleibt. Von wegen humorlose Askese!

In Köln ist Korstick leider bislang kaum präsent. Wie wär's mit einem Beethoven-Zyklus in der Philharmonie? Nichts zu machen, sagt er, sie kriegen mit Klaviersonaten den Laden nicht voll. Da liegt sie dann wieder in der Luft, die Forderung nach einem Kammermusiksaal für Köln: „Es ist ein kulturpolitischer Skandal, dass sich eine solche Metropole dazu nicht aufraffen kann.“



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