Von Georg Imdahl, 05.09.05, 07:21h
Auch das schwierige Verhältnis der Stadt zu dem weltberühmten Brühler Künstler spricht Köhler gleich eingangs an. Der Ruhm des Surrealisten der ersten Stunde habe „erst einen Umweg über die ganze Welt genommen, um schließlich im Rheinland anzukommen“. Damit ist auch die Wiedergutmachung angesprochen, für welche die Premiere des Museums steht. Max Ernst hatte 1966 die Ehrenbürgerschaft „meiner Vaterstadt Brühl“ zurückgewiesen, weil sich die Streitwogen anlässlich einer umfangreichen Ausstellung des Dadaisten 1951 in Brühl auch in den 60er Jahren noch immer nicht gelegt hatten. Die Schau hatte mit einem beträchtlichen Defizit abgeschlossen, woraufhin der Künstler der Kommune ein Bild schenkte - die rätselhafte, spätkubistisch verwinkelte „Geburt der Komödie“ von 1947. Das Bild hängt zwar in der Eröffnungsausstellung des Museumsneulings - es ist allerdings eine Leihgabe des Kölner Museums Ludwig. Die Brühler hatten das großzügige Geschenk seinerzeit für läppische vierhundert Mark verscherbelt und damit auf ihre Art die „Wertschätzung“ für einen Künstler bezeugt, der andernorts und später als einer der originellsten Köpfe des 20. Jahrhunderts erkannt worden ist. Eine „langfristige Wertsteigerung“ habe Brühl mit dem Verkauf aus der Hand gegeben - so Köhler launig und ganz Finanzfachmann, als der er ins Amt des Staatsoberhaupts gekommen war.
Die Eröffnung des zweiten Brühler „Phantasialands“, als das der Bundespräsident das Max-Ernst-Museum bei seinem Rundgang entdeckt, ist ein strahlender Feiertag für die Initiatoren des Museums - die Kreissparkasse Köln als Hauptleihgeberin (nicht zuletzt den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Hans-Peter Krämer), den Landschaftsverband Rheinland und die Stadt -, beehrt durch die Prominenz, die dem Museumsmärchen von Brühl beiwohnt. Der Sonnentag ist wie geschaffen für den Sektempfang auf der Terrasse, und er ist ganz nach dem Geschmack der Politiker, die hier einen veritablen kulturpolitischen Erfolg vermelden können - ob sie auf nun lokaler Ebene tätig sind wie der Bürgermeister Michael Kreuzberg oder auf Landesebene wie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Bei solcher Gelegenheit dürfen sie die Rolle des Kunstphilosophen erproben wie der neue Landesvater, der die Kunst emphatisch als Wegweiserin für die Zukunft beschwört: Da wird die Vergangenheit des früheren Zukunftsministers gegenwärtig. Der Christdemokrat singt ein Loblied auf den Surrealismus und steuert am Ende routiniert den Beifall an, als er noch einmal bekräftigt, den Kulturetat des Landes „in den nächsten Jahren verdoppeln“ zu wollen.
Es liegt nicht nur an dem großartigen Beitrag des Kölner Rubin-Quartetts mit Werken von Debussy und Bartók, dass die Feierstunde auch nach einer Dreiviertelstunde noch nicht in jener allgemeinen Ermattung versinkt, die es bei solchen Anlässen zu diesem Zeitpunkt für gewöhnlich zu bekämpfen gilt. An Werner Spies, dem langjährigen persönlichen Freund von Max Ernst, ist es, dessen surreale Erlebnisse im realen Leben zu verorten: zum Beispiel den Blitzeinschlag in Brühl anno 1951, just am Tag der Vernissage der besagten, ominösen Ausstellung; den höchst seltenen Schneefall bei einer Ausstellung in Los Angeles; das leichte Erdbeben im Süddeutschen während einer Schau in Stuttgart.
Die neue Heimstatt des Museums, eine klassizistische Dreiflügelanlage, die von den Architekten Thomas van den Valentyn und Seyed Mohammad Oreyzi wieder hergestellt und mit klarer Linie erweitert worden ist, adelt Spies als „architektonisches Selbstbildnis“ des Künstlers - auch dieser schöpfte seine Ideen aus dem 19. Jahrhundert, um sie mit der Gegenwart zu konfrontieren. Nun braucht das Museum eine neue Leitung, nachdem die Gründungsdirektorin Bettina Mette vor Monaten gefeuert worden ist (auch dafür hat man einen plausiblen, stichhaltigen Grund bislang nicht erfahren). Und es wird Frischluft benötigen in Form von Leihgaben. Niemand hat bessere Kontakte zu den Sammlern des Brühler Künstlers wie der Kurator der jetzigen Eröffnungsausstellung. Werner Spies will diese Kontakte weiterhin spielen lassen für den „Jahrhundertkünstler“ Max Ernst.
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