Von TIM FARIN UND CHRISTIAN PARTH, 17.09.05, 09:37h, aktualisiert 18.09.05, 11:06h
Es war auf dem Parteitag der Liberalen. Inmitten einer Schar von Journalisten saß ein Mann namens „ix“ und übermittelte in Echtzeit folgendes ins Internet: „irgendeine schnarchnase mit einer schnarchstimme begrüsst schnarchig alle delegierten. Jetzt tritt eine Dralle ans Mikro. neue frisur, ein paar kilo dazu, aber immer noch keinen redenschreiber.“ Ix hielt inne und dachte nach. „Jetzt fällt mir ein wie die dralle heisst; pieper.“
Ix ist Blogger und ein viel beschäftigter Mann dieser Tage. Mit dem Notebook unterm Arm reist er durch die Republik, um seinen geneigten Lesern im Internet auf ganz persönliche Weise Kunde von den politischen Großereignissen zu tun. Ix ist einer von vielen Bloggern, die mit ihren Einträgen im Internet dynamisch Leser gewinnen. Sie bieten etwas, das über den klassischen Polit-Journalismus hinausgeht: Subjektive, meinungsstarke und polemische Beiträge. Vor allem aber entfachen sich dort immer neue politische Diskussionen. Jeder kann mitmachen, jeder kann seine Sichtweise verbreiten.
„Durch die Blogger ist Schwung in die gesamte Medienlandschaft gekommen“, sagt Stefan Herre, Betreiber des Blogs „politicallyincorrect“ auf „myblog.de“. Der Sportlehrer aus Bergisch Gladbach sitzt jeden Tag fünf Stunden vor seinen beiden Rechnern und fühlt eine „Bringschuld“, der Internet-Leserschaft seine Meinung zu geigen. „Das macht Spaß - und süchtig.“ Herre zählt mit seinen nach eigenem Anspruch politisch inkorrekten Diskussionsbeiträgen zu den prominenten Autoren. Er provoziert den Widerstand der Linken. Für seinen privaten Pro-Merkel-Wahlkampf erhielt er einen Link auf den Internetseiten der CDU und ordentlich Prügel von der Gegenseite. Herre hofft für die Bundestagswahl am Sonntag zumindest einen Bruchteil der 30 Prozent der unentschlossenen Wähler von seiner Meinung zu überzeugen. „Wenn es am Ende um ein paar Stimmen geht, könnten Blogs entscheidenden Einfluss haben.“
Bislang waren die Internet-Tagebücher vor allem eine Sache passionierter Amateure, die Zeitungsmeldungen recherchierten und politische Sachverhalte interpretierten. Doch in diesem Bundestagswahlkampf griffen auch die Politiker erstmals in Deutschland in die „Blogosphäre“, den virtuellen Diskussionsraum, ein. Da präsentierten sie durchaus interessante Visionen. Tief in den Reihen der FDP beispielsweise forderte einer den territorialen Neustart des Föderalismus: „Bayern und Baden-Württemberg blieben unverändert, es entstünden eine Nordmark', Preußen, Westfa len, das Rheinland, Sachsen-Thüringen, Hessen-Pfalz-Saar als neue Bundesländer, womit es deren insgesamt acht gäbe.“ Dies schrieb kein geringerer als Adrian Dunskus, Kassenwart der FDP im Bezirk München-West, Listenplatz 24, in seinem persönlichen Internet-Tagebuch.
Politiker haben die Blogs als eine neue Plattform der individuellen Meinungsmache für sich entdeckt. Katherina Reiche (CDU), Petra Pau (PDS) und Katrin Göring-Eckardt (Grüne) haben Tagebuch im Internet geführt und mit der virtuellen Bürgerschaft diskutiert. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries von der SPD hat es gar zum Titel „ranghöchste bloggende Politikerin“ gebracht.
Mit Bits und Bytes zum bürgernahen Gutmenschen? Online-Politik-Experte Christoph Dowe (politik-digital.de): „Mit Weblogs können Politiker eine Lücke schließen schließen.“ Weg vom Image des staubtrockenen Funktionärs, hin zum Kumpel von der samstäglichen Stammtischrunde also.
Doch die „echten“ Blogger aus Überzeugung wie Stefan Herre kritisieren die Politiker, weil ihre Netz-Auftritte eher unerfreulich sind: Die bestehen oft nur aus Pressemitteilungen, manche bleiben leer. Der Rest mischt Phrasen mit Erlebnisaufsätzen auf Grundschulniveau. Kerstin Griese von der NRW-SPD hat „in den letzten Tagen noch viele andere schöne Termine wahrgenommen: Firmenjubiläum, Sommerfeste, Marinekameradschaftsbesuch im Kindergarten, Infostände, Marktplatz-Aktionen, Schützenfeste, Kreispolizeigebäude-Eröffnung, Lebenshilfe, Sommerfest, SPD-Radtour etc &“ Aufschlussreich.
Die Lücke zwischen Funktion und Persönlichkeit schließt auch Unions-Politikerin Katherina Reiche. Die Anwärterin auf das Amt der Familienministerin schreibt nach einem Treffen mit der brandenburgischen Industrie- und Handelskammer über ihre politischen Widersacher: „Es wurde klar: Da ist nicht's! Schon am morgen während der Regierungserklärung von Gerhard Schröder fiel mir das auf. Diese Regierung hat keinen Plan mehr für die Zukunft.“ Bei so viel Persönlichem sind Rechtschreibung und Argumente zweitrangig.
Der Großteil der Politiker-Blogs wird nach Ansicht von Dowe nach der Wahl ohnehin verschwinden. „Für die meisten ist es nur ein Wahlkampfinstrument unter vielen. Einige Politiker werden aber die Zeit nutzen, um das Bloggen richtig zu erlernen und den Dialog mit der Basis dauerhaft zu pflegen."
Herre glaubt gar, dass die Politiker sich lieber ganz aus der „Blogos phäre“ fern halten sollten: „Diese Leute sollten sich aufs Regieren und Opponieren konzentrieren und uns aus dem Untergrund den Job überlassen.“
Doch dass auch Kandidaten für politische Ämter durchaus mit Erfolg bloggen, beweist sich mit Blick auf die Vereinigten Staaten. Der Demokrat Howard Dean hat mit seiner Internetkampagne vor der letzten Präsidentschaftsvorwahl Maßstäbe gesetzt. Der eher farblose Herausforderer von John Kerry schaffte es über seinen Blog, aus dem Stand 40 Millionen US-Dollar an Spendengeldern zu sammeln. Deans Erfolg hat in den USA eine gewaltige Lawine losgetreten. Bloggen ist dort seither zum Massenphänomen geworden.
Garrett Graff war der erste unabhängige Internet-Autor, der offiziell zu einer Pressekonferenz im Weißen Haus zugelassen wurde. Das war im März dieses Jahres. Blogger sind aus dem politischen Geschehen der USA nicht mehr wegzudenken. Deutschland ist diesbezüglich eher noch im Entwicklungsstadium. Nach einer Umfrage sind zwar 63 Prozent der Bundesbürger im Internet, aber das virtuelle Tagebuchführen hat sich hierzulande noch nicht wirklich etabliert. Das US-Magazin „Blog Herald“ zählte jüngst 280 000 aktive Autoren. Zum Vergleich: In Frankreich sind es bereits rund drei Millionen. Aber es geht vorwärts.
Blogger „ix“ durfte kürzlich auch live vom CDU-Parteitag in Dortmund berichten. Hier gab es allerdings ein Problem. Während Edmund Stoiber über die Technikfeindlichkeit der SPD parlierte, wurde den Schreibern Freibier gereicht. Nur einen Internetzugang hatte man ihnen verwehrt. Anschließend notierte er auf „Wirres.net“: „Die CDU ist ganz und gar nicht technikfeindlich, einfach nur technikinkompetent.“
Die SPD - ohnehin mit vielen eigenen Blogs (roteblogs.de) am meisten in diese Richtung entwi ckelt - wollte es der bloggenden Basis beim Wahlparteitag in Berlin schon eher recht machen. Sie lud handverlesene Autoren ein, damit sie live über das politische Großereignis berichten mögen. Doch die Dankbarkeit der Gäste hielt sich in Grenzen. So lästerte etwa Blogger Don Dahlmann: „Es war eine sehr kluge Entscheidung, genau Essen zu gehen, als der Kanzler sprach, denn jetzt spricht Müntefering. Saal ist halb leer. Büffet ist voll.“
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