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Axel Reitz

Ein Neonazi von nebenan

Von Tobias Kaufmann und Detlef Schmalenberg, 24.09.05, 08:15h, aktualisiert 16.06.09, 20:19h

Die „Karriere“ des wegen Volksverhetzung verurteilte Axel Reitz ist so ungewöhnlich und so normal wie viele Biografien führender Neonazi-Aktivisten. Der heute 22-Jährigen schätzt die „Bürgerbewegung Pro Köln“.

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Axel Reitz (l.) im Jahr 1999 zusammen mit Manfred Rouhs von Pro Köln, der sich nachträglich von diesem Foto zu distanzieren versuchte.
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Axel Reitz (l.) im Jahr 1999 zusammen mit Manfred Rouhs von Pro Köln, der sich nachträglich von diesem Foto zu distanzieren versuchte.
KÖLN - Es ist stickig am „Kampftag gegen die Reaktion“. Im Hinterzimmer einer Kölner Kneipe auf der Aachener Straße haben sich etwa 15 Neonazis beim Bier versammelt. An der Stirnseite des Raums, vor dem Transparent mit der Aufschrift „Es lebe der deutsche Sozialismus“, steht ein 16-Jähriger mit blondem Bubikopf. Axel Reitz trägt ein weißes Hemd mit Schulterklappen, an seinem Hals baumelt eine schwarze Krawatte mit SA-Abzeichen. „Diejenigen, die uns über Jahre hinweg bekämpft haben, uns aus der Arbeit gedrängt und ins Gefängnis gebracht haben, die werden eines Tages auf den Marktplatz gestellt und erschossen“, ruft der Teenager. Die Kameraden im Saal klatschen. Dann zeigt Reitz den Hitlergruß und sagt: „In diesem Sinne: Sieg Heil!“

Sechs Jahre ist das her. Als der Staatsschutz davon in der Zeitung las, gab's kurz darauf eine Hausdurchsuchung bei Familie Reitz. Doch der junge Rheinländer fühlte sich eher bestärkt. Er hat inzwischen eine kleine „Karriere“ am rechten Rand gemacht, ist Kameradschaftsführer, Demo-Veranstalter und Ideologe mit vielen Kontakten in der Neonazi-Szene, aber auch zur NPD - und er interessiert sich für die rechtsextreme Wählergruppierung „Pro Köln“, die „viele Themen und Ansichten vertritt, denen auch ich mich anschließen kann“.

Mit Glacéhandschuhen

Eine Reihe von Verurteilungen, vor allem wegen so genannter „Propagandadelikte“ wie dem Verwenden verfassungsfeindlicher Symbole, hat der Aktivist kassiert. Aber auch Volksverhetzung, Verstoß gegen das Uniformverbot auf einer Demonstration sowie Diebstahl einer CD stehen auf seiner Liste. Ins Gefängnis musste Reitz dafür bisher nicht. Doch das soll sich ändern: Bisher sei Reitz „von der Justiz mit Glacéhandschuhen angefasst“ worden, sagt Josef Große Feldhaus, Richter am Bochumer Landgericht. Er verurteilte den heute 22-Jährigen wegen Volksverhetzung zu 21 Monaten Haft. Sollte das Urteil, gegen das der Neonazi Revision eingelegt hat, bestätigt werden, müsste er auf Grund einer anderen Bewährungsstrafe für zwei Jahre und neun Monate ins Gefängnis.

Seine Karriere als Neonazi-Kader ist so ungewöhnlich und so normal wie viele Karrieren in der Szene der „freien Kameradschaften“, die in der Tradition des „linken“ Flügels der NSDAP von der Revolution und vom Nationalen Sozialismus träumen. Reitz stammt aus bürgerlichen Verhältnissen, die Eltern sind weder ostdeutsche Wendeverlierer noch Opfer der Globalisierung. Für Politik interessiert sich Reitz angeblich früh, er verspürt „den Drang, etwas zum Besseren hin verändern zu wollen“. Dieses „Bessere“ definiert er anders als die meisten. „Nachdem ich kurze Zeit bei der Jungen Union aktiv gewesen bin, wurde ich Mitglied der NPD und deren Jugendorganisation JN“, erzählt Reitz. 1998 gründet er die „Kameradschaft Köln“, ein Jahr später tritt er dem „Kampfbund Deutscher Sozialisten“ (KDS) bei, einer rot-braunen Splittergruppe. Die Eltern missbilligen das Engagement offenbar, finden aber kein Gegenmittel.

Inzwischen lebt Reitz in Pulheim, weitgehend ungestört, auch nachdem ein „Bündnis gegen Rechts“ Flugblätter mit Reitz' Konterfei verteilte. „Ein führender Neonazi wohnt in Ihrer Nähe!“, stand darauf. 340 bekannte NS-Aktivisten verzeichnet der Verfassungsschutz in NRW. Reitz, der von Arbeitslosengeld II lebt, ist einer der umtriebigsten von ihnen. „Berufsdemonstrant“, gibt er als seine Profession an. Am Telefon meldet er sich mit „Himmler“. Vor einigen Jahren sagte er auf die Frage nach seinem Berufswunsch noch „SA-Standartenführer“. Heute ist Reitz „Gausekretär Rheinland“ des KDS, der bis zum Einmarsch der USA im Irak gute Verbindungen zum Regime von Saddam Hussein hatte. In ihm sah Reitz eine orientalische Variante von Adolf Hitler.

Und auch für die Wählergemeinschaft „Pro Köln“ hegt er Sympathien. Zwar ist Reitz auf Pro-Köln-Wortführer Manfred Rouhs nicht gut zu sprechen, seit dieser sich von einem Foto distanziert hat, das ihn mit Reitz auf einer Demo zeigt. Er habe den jungen Mann, der im Herbst 1999 neben ihm stand, überhaupt nicht gekannt, behauptete Rouhs. Dies sei „erstaunlich“, konterte Reitz, der sich dieses Dementi nicht erklären kann. Er sieht sich als Mitorganisator der Kundgebung: Die meisten Teilnehmer seien „auf meine Veranlassung gekommen“.

Trotz des „unmöglichen Verhaltens des Herrn Rouhs“ betont der Neonazi heute: „Positiv zu bewerten ist allerdings, dass Pro Köln unseren Anschauungen die Tür in weiteste Kreise der Gesellschaft in Köln geöffnet hat, und dass viele Mitglieder an der Basis Sympathien für uns und unsere Aktivitäten hegen.“ Denn eines sei doch klar: „Bei einigen Themen ziehen wir am gleichen Strang“. Pro Köln helfe dabei, „gewisse gesellschaftliche Zwänge aufzulockern“, wodurch die rechtsextreme Arbeit erleichtert werde. „So verlieren wir den Geruch des Exoten, gehören langsam, aber sicher zur Normalität“, hofft Reitz, der häufig auch vor Gericht auf die Hilfe eines Pro-Köln-Funktionärs vertraut. Markus Beisicht, Vorsitzender der Partei und Rechtsanwalt, hat ihn mehrfach als Pflichtverteidiger vertreten. „Er besitzt mein absolutes Vertrauen“, sagt Reitz. Ob er sich vorstellen können, seinen Anwalt bei der Parteiarbeit zu unterstützen? „Momentan“ nicht, sagt Reitz. Und künftig? „An mir soll es nicht scheitern. Wenn ich mal eine Ansprache für Pro Köln halten soll oder wenn organisatorische Unterstützung benötigt wird, bin ich gerne bereit einzuspringen.“

Avancen, von denen Pro Köln nach eigenem Bekunden nichts wissen will. Doch Reitz ist sich sicher, dass er im Sinne des deutschen Volkes arbeitet, und da seien auch „bürgerliche“ Sympathisanten erwünscht. Der Rheinländer wird wegen seiner exzentrischen Rede-Auftritte nicht von allen in der Szene ernst genommen, doch seine Position als Netzwerker ist unbestritten. Er knüpft Kontakte, organisiert Aktionen, vertreibt Propaganda. Und er hetzt, so jedenfalls das Bochumer Urteil. Vor einem Jahr bei der Demo gegen den Synagogenbau in Bochum sprach Reitz vom besiegten deutschen Volk. „Es ist uns nahezu unmöglich gemacht, etwas gegen das auserwählte Völkchen Gottes kundzutun. Und mit dieser arroganten Art richten sie (die Juden) sich selbst zugrunde. Und ich könnte nicht sagen, dass mir das Leid tut.“

Die Justiz unterschätzt

Es ist Reitz' erste Rede, die ein Gericht so entschieden ahndet. Vielleicht hat er die Justiz unterschätzt. Vielleicht hat er die Haftstrafe sogar bewusst provoziert, um seinen Ruf in der Neonazi-Szene als Märtyrer zu stärken. Reitz streitet das zwar ab, doch eine Auszeit im Knast, der wohl endgültige Bruch für eine bürgerliche Karriere, passt perfekt in einen Lebenslauf am rechten Rand. Was er im Gefängnis machen will, weiß er schon. „Da es unmöglich ist, aus der Haft heraus politisch tätig zu sein, werde ich die Zeit nutzen, um mich weiterzubilden.“ Klingt, als plante jemand seine Ferien.



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