Von CHRISTIAN HÜMMELER, 08.11.05, 07:03h
Auch bei gleicher Leistung bekommen Jungen in der vierten Grundschulklasse in den Fächern Deutsch und Sachkunde häufig schlechtere Noten als Mädchen. Woran das genau liegt, hat allerdings auch die kurz Iglu genannte „Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung“ nicht herausgefunden. Möglicherweise sei das Wohlverhalten der Mädchen Ursache für die besseren Noten, sagte Wilfried Bos, der wissenschaftliche Leiter der Iglu-Studie für Deutschland, gestern bei der Vorstellung weiterer Ergebnisse der bereits vor vier Jahren, nämlich im April und Mai 2001, erhobenen Untersuchung.
Neben Deutschland hatten sich 34 weitere Länder an der Studie beteiligt. Die Hauptergebnisse zur Leseleistung waren bereits 2003 vorgestellt worden, dabei war Deutschland auf Platz elf gekommen. Im Januar 2004 hatten die Iglu-Forscher dann eine Rangliste der Bundesländer erstellt, die von Baden-Württemberg und Bayern angeführt wurde, während Nordrhein-Westfalen zusammen mit Brandenburg und Bremen unter dem Mittelwert landete.
Ein weiteres, bereits 2004 präsentiertes Ergebnis: Viele Grundschüler erhalten nach der vierten Klasse eine falsche Schulempfehlung. Danach besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und der Schullaufbahnempfehlung - ein Befund, den ähnlich auch die in der vergangenen Woche vorgestellte Pisa-Studie machte. Gestern dann präsentierten die Forscher weitere Erkenntnisse aus der Iglu-Studie.
So hat sich etwa herausgestellt, dass Mädchen insgesamt zufriedener mit ihrer Schule sind. Nur 32 Prozent der Jungen nämlich, aber 45 Prozent der Mädchen, gaben an, dass sie sehr gerne in der Schule seien. Auf die Frage „Was denkst du über deine Schule?“ äußerten Jungen häufiger ihre Unsicherheit oder Unlust, Mädchen dagegen zeigten mehr Interesse am Unterricht und hatten auch öfter den Eindruck, dass sich der Lehrer um sie kümmere.
Ebenfalls die Nase vorne haben Mädchen beim Leseverhalten in der Freizeit: „Mädchen beschäftigen sich signifikant mehr mit Lesen und Literatur als Jungen“, sagt Wilfried Bos. Entscheidend ist vor allem die Auswahl. Während die Jungen Comics, Gebrauchsanleitungen oder die Untertitel im Fernsehen lesen, bevorzugen Mädchen Geschichten, Erklärbücher oder Zeitschriften. Das Interesse an Zeitungen allerdings ist bei Mädchen wie Jungen gleich groß. „Vielleicht werden zu viele Texte gelesen, die nicht den Interessen von zehnjährigen Jungen entsprechen“, kritisierte Bos denn auch die Auswahl der Literatur im Deutschunterricht.
Im Rahmen der Iglu-Untersuchung wurden jedoch nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer befragt. Das Ergebnis: Zwei Drittel der befragten Schulleitungen berichteten von einem zufriedenen Lehrerkollegium. Damit stehen die deutschen Grundschullehrer ziemlich gut da in Europa - noch zufriedener sind nur die Grundschullehrer in Griechenland, Schweden und den Niederlanden.
Im kommenden Jahr wird sich Deutschland erneut an einer internationalen Studie zum Leseverständnis von Viertklässlern beteiligen. Dabei sollen im April und Mai an 400 Schulen in allen Bundesländern etwa 9000 Schüler getestet werden, sagte Wilfried Bos. Es wollen sich rund 45 Nationen beteiligen. Mit ersten Ergebnissen rechnet der Bildungsforscher allerdings nicht vor Ende 2007.
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