Von UWE MIES, 21.11.05, 07:03h
Ginge es um den Titel des exzentrischsten Filmemachers, dann gehört dieser Mann zum engsten Favoritenkreis. Manische Detailversessenheit, permanent überzogene Budgets und mehrstündige Director's Cuts, zugleich extrem reichhaltige Bildgestaltung, Tabubruch und multimediale Könnerschaft - Erich von Stroheim drückte mit nur acht Filmen, die er zwischen 1919 und 1928 inszenierte, der Filmgeschichte nachhaltig seinen Stempel auf.
Lange Zeit war er das vergessene Genie, bekannt bestenfalls als Enfant terrible des Stummfilms, als Schauspieler wie als Regisseur. Zweifellos war er einer der umstrittensten Filmkünstler in Hollywoods jungen Tagen. Erich von Stroheim erhob Maßlosigkeit zum Stilprinzip. Für das Sittenstück „Närrische Weiber“ ließ er 1920 Monte Carlo als Kulisse in Hollywood nachbauen und reiste dann doch nach Europa, um an Originalschauplätzen zu drehen. Selbst Statisten ließ er in Seidenunterwäsche einkleiden, weil es ja sonst nicht authentisch gewesen wäre. Er entwarf Dekors und Kostüme, schrieb Drehbücher und führte Regie. Nicht selten spielte er dann auch noch die Hauptrolle, wenn sie seinem Typus entsprach. Der war geprägt von adliger Noblesse, fast schon die Karikatur eines verführerischen Protagonisten aus dem alten Europa.
Erich von Stroheim trug Operettenuniformen, das präzise rasierte Haupthaar mit Pomade streng auf Mitte gescheitelt. Gern linste er unverschämt lüstern durch ein Monokel, sein Lächeln war höhnisch, seine Aura unwiderstehlich und abstoßend zugleich. „Ich kann den Hunnen nicht ausstehen“, soll Gloria Swanson über ihn gesagt haben, aber sie finanzierte einen Film für ihn, „Queen Kelly“, und zog die Reißleine, als die Kosten die damals enorme Summe von 600 000 Dollar erreichten.
1909 war der Schauspieler, Sohn eines Wiener Herstellers von Strohhüten, nach Amerika gekommen. Die bürgerliche Herkunft legte er noch auf dem Atlantik ab und betrat als Erich Hans Carl Maria Stroheim von Nordenwall das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Binnen sechs Monaten beherrscht er die Sprache, fünf Jahre später spielt er seine ersten prägenden Rollen, natürlich in Uniform. Schockierend gerät die Szene in D.W. Griffiths „Intolerance“, als er ein Baby aus dem Fenster wirft. „Der Mann, den man liebt zu hassen“ lautet der Titel einer Biografie, was dem Image von Stroheims gut Rechnung trägt. Seine Filme machten guten Umsatz, waren aber wegen der Kosten nicht profitabel. Stur folgte er seiner Vision von Kino, suchte die Konfrontation mit Hollywoods Studiobossen und verlor. Nach „Queen Kelly“ wurde keines seiner Projekte mehr realisiert, Erich von Stroheim konnte nur noch als Schauspieler Akzente setzen, etwa in „Boulevard der Dämmerung“ von Billy Wilder, der ihn als eines der beiden wesentlichen Vorbilder nannte.
Rund 250 Exponate zeigt das Rheinische Landesmuseum in der Ausstellung „Stroheim - A Life Dis- covered“, die der Filmhistoriker Rick Schmidlin für die Academy of Motion Picture Arts and Sciences erstellte und nun erstmalig in Europa zur Verfügung stellt. Grundlage dafür war der Fund von 14 Kisten mit 4000 Fotos und ebenso vielen Briefen und anderen Dokumenten, die 1999 in einem Lager nahe Paris entdeckt wurden. Das Bonner Kuratorenteam Lothar Altringer und Miriam Hübner sowie Anke Mebold und Sigrid Limprecht von der Bonner Kinemathek strukturierten das vorzugsweise auf von Stroheims amerikanische Karriere ausgerichtete Material zu einer Bewegtbild-Ausstellung in elf Kapiteln.
Transparente geben inhaltliche Orientierung zu künstlerischen und privaten Aspekten. Erschöpfend, umfassend gar ist das kaum. Aber es schürt Neugierde, macht Appetit auf mehr. Filmaufführungen und Diskussionsabende tragen dem über die gesamte Ausstellungszeit hinweg Rechnung. Das vergessene Genie Erich von Stroheim kann damit wiederentdeckt werden.
„Erich von Stroheim - A Life Disco vered“ , Rheinisches Landesmuseum Bonn, Colmantstr. 14-18, bis 12. Februar 2006, geöffnet Di., Do., Fr. und Sa. von 10-18 Uhr, Mi. von 10-21 Uhr, So. von 10-18 Uhr
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