Schriftgröße

Ein Stromausfall ist keine Katastrophe

Von HORST SCHIFFMANN, 29.11.05, 06:45h

Das Winterchaos im Münsterland wird in wenigen Tagen schon Schnee von gestern sein. Als dauerhafter müsste sich wohl die Erfahrung herausstellen, die Zehntausende von Menschen am vergangenen Wochenende gemacht haben.

Das Winterchaos im Münsterland wird in wenigen Tagen schon Schnee von gestern sein. Als dauerhafter müsste sich wohl die Erfahrung herausstellen, die Zehntausende von Menschen am vergangenen Wochenende gemacht haben: Die Natur lässt sich nicht einfach ausschalten. Dabei war es kein Erdbeben wie in Pakistan, kein Hurrikan wie in den USA, es gab lediglich ungewöhnliche Schneefälle bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in einer Region, die wir als Flachland vor Augen haben: hier mal ein Hügelchen, dort mal ein kleiner Anstieg - nicht zu vergleichen mit den NRW-Mittelgebirgen Eifel und Sauerland, schon gar nicht mit Schwarzwald oder Alpen. Also mitnichten eine klassische Schneeregion.

Und doch ist dort etwas passiert, was sich niemand so recht vorstellen konnte. Eine äußerst seltene Wettersituation hat einen überschaubaren Teil Nordrhein-Westfalens weitgehend lahm gelegt. Die Gegend ist verkehrstechnisch ziemlich gut erschlossen mit Autobahnen, Bundesstraßen und Bahnstrecken, außerdem eingebunden in das dichte deutsche Stromversorgungsnetz. Und doch war sie - insbesondere in der Vorstellung der Bewohner der schneefreien Kölner Bucht - ähnlich weit weg wie Sibirien und genauso schwer erreichbar. War das wirklich ein Landstrich mitten in Nordrhein-Westfalen, mitten in Deutschland, mitten in Europa?

Die Antwort darauf führt in ein Dilemma. Gerade Länder mit hohem technologischem Standard und ausgefeilter Infrastruktur sind besonders anfällig für die Folgen ungewöhnlicher Wetterphänomene. Dabei schienen die technischen Errungenschaften der Zivilisation doch eigentlich die geeigneten Mittel zu sein, ebenjene Folgen zu minimieren. Ein eigentümlicher Zusammenhang - und dabei gar nicht mehr so neu. Man denke etwa an verheerende Bergrutsche und Lawinen in den Alpenländern oder an die Hochwasser-Katastrophen an Oder und Elbe.

Auch in drei Kreisen des Münsterlandes war Katastrophenalarm ausgelöst worden, was gemessen an der zu erwartenden Schadensbilanz aber wohl eher befremdlich anmutet. Es geht nicht darum, die Sorgen und Nöte der bis zu 250 000 Einwohner zu bagatellisieren, die ohne Strom ausharren mussten. Es geht vielmehr darum, die Erwartungen und Maßstäbe kritisch zu überdenken, mit denen kurzfristig erhebliche Beeinträchtigungen im Leben des so genannten modernen Menschen zu „furchtbar schrecklichen Ereignissen“ stilisiert werden.

Vielleicht haben wir uns schon zu sehr daran gewöhnt, dass der Strom in der Regel aus der Steckdose kommt, die Heizung gemeinhin störungsfrei läuft und aus der Dusche immer warmes Wasser fließt. Vielleicht hat uns der technische Fortschritt aber auch nur eingelullt mit der indirekt ausgesprochenen Versicherung, alles sei sicher. Abgeknickte Hochspannungsmasten und abgerissene Überlandleitungen haben uns dieser Illusion beraubt - und das zu Recht.

Manche der schneegeplagten Münsterländer sind im Übrigen mit der Situation in diesem Sinne umgegangen. Einige gewannen ihr sogar noch etwas Positives ab. Es sei so schön ruhig gewesen an diesem ersten Adventswochenende. Weihnachten sei es bestimmt wesentlich lauter. Hoffentlich rieselt dafür dann leise der Schnee.

horst.schiffmann@mds.de



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Anzeige


Hintergrund


Der satirische Wochenrückblick


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Bildergalerien


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Kolumne


Die andere Meinung


Dienste