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„Ich tat es für mein Land“

Erstellt 03.12.05, 06:57h

Mit Titanic-Mitarbeiter Martin Sonneborn, der vor fünf Jahren Bestechungs-Faxe an Fifa-Delegierte schickte, sprachen Christiane Mitatselis und Karlheinz Wagner vor der WM-Auslosung.

Bild: Titanic
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Martin Sonneborn
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Martin Sonneborn
Mit dem 40-Jährigen, der vor fünf Jahren Bestechungs-Faxe an Fifa-Delegierte schickte, sprachen Christiane Mitatselis und Karlheinz Wagner.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Sonneborn, am nächsten Freitag findet in Leipzig die große Gruppen-Auslosung für die Fußball-WM 2006 statt. Werden Sie dabei sein?

MARTIN SONNEBORN: Nein, da stehe ich in Berlin auf der Bühne. Unter anderem werde ich dazu befragt, wie es dazu kommen konnte, dass die WM 2006 nach Deutschland vergeben worden ist.

Könnten Sie zusammenfassen, was Sie im Jahr 2000 unternahmen, um die WM nach Deutschland zu holen?

SONNEBORN: Gerne. Ich habe im Fernsehen die Bewerbung gesehen, die Franz Beckenbauer vor dem Fifa-Komitee in Zürich abgeliefert hat. Das sah nicht so überzeugend aus . . .

Sie meinen die Aktion mit Boris Becker und Claudia Schiffer, die Daumen-drückend auf der Bühne herum- standen?

SONNEBORN: Ja, Bundeskanzler Schröder war auch dabei. Ich fand das nicht sehr überzeugend und meinte, dass ich eigentlich ein paar Bestechungs-Faxe aufsetzen könnte. Da habe ich einen Geschenkkorb angeboten mit einer Kuckucksuhr und ein paar guten Würsten. Ich hatte das Gesicht von Fifa-Funktionär Chuck Blazer gesehen. Und der sah aus, als sei er ein paar guten Würsten gegenüber aufgeschlossener als ein paar Millionen. Und anders als die anderen beteiligten Parteien hatte ich ja auch kein Geld, das ich hätte anbieten können. Ich habe dann acht Faxe an die Delegierten in diesem Züricher Hotel rausgeschickt - und am nächsten Tag waren wir genauso überrascht wie alle anderen als Deutschland den Zuschlag für die WM 2006 bekam.

Weil die Abstimmung anders gelaufen war als geplant?

SONNEBORN: Ja, und Fifa-Präsident Sepp Blatter hat dann, gegen jede demokratische Gepflogenheit offen gelegt, dass sich der neuseeländische Vertreter Charles Dempsey der Stimme enthalten hat . . .

. . . obwohl er eigentlich für Südafrika hatte stimmen sollen.

SONNEBORN: Genau. Dempsey hat damals in die Kameras gesagt: „This final fax broke my neck.“ Also, dieses letzte Fax, das man ihm nachts durch die Tür geschoben hat, hat ihm des Rest gegeben. Man weiß heute, dass da mit großen Summen versucht worden ist, Einfluss zu nehmen; dass Gerhard Schröder und Nelson Mandela sich persönlich eingeschaltet haben; und dass Charles Dempsey, ein 78-jähriger Neuseeländer, die ganze Nacht nicht zum Schlafen gekommen ist, weil dauernd sein Telefon geklingelt hat. Ja, und da hat ihm das Fax wohl den Rest gegeben.

Woher hatten Sie eigentlich die Nummern?

SONNEBORN: Ich hatte im Internet gesehen, dass die Fifa im teuersten Hotel von Zürich abgestiegen war. Da habe ich angerufen und die Dame an der Rezeption gebeten, die Faxe noch vor der Abstimmung am nächsten Tag weiterzuleiten. Weil es schon so spät war, hat sie die Faxe in Umschläge gesteckt und unter die Türen der Delegierten geschoben. Dadurch bekam das Ganze so etwas Geheimnisvolles und Verbotenes. Das wollten wir eigentlich gar nicht.

Und dann . . .

SONNEBORN: . . . ging es los. Am nächsten Tag haben wir der Presseagentur dpa gesagt, dass wir von der „Titanic“ das waren mit diesen ominösen Faxen. Und als Erstes waren Kollegen von der BBC da. Denen habe ich gesagt: „Ich tat es für mein Land.“ Das haben die auch verstanden. Sie haben dann noch gefragt, ob man den Bestechungskorb habe ernst nehmen können? Ja, habe ich sagt, wenn man sehr hungrig war.

Hat man Sie eigentlich zur WM-Gruppen-Auslosung eingeladen?

SONNEBORN: Nein, ich warte immer noch darauf, dass der Deutsche Fußball-Bund sich rührt. Es gibt ja verschiedene Stellungnahmen mittlerweile - unter anderem hat ja Rudi Völler vor laufenden Kameras erklärt, er wolle sich bei uns bedanken, „die Jungs von Titanic haben ja die WM nach Deutschland geholt.“ Jetzt warten wir darauf, dass wir zumindest Tickets für die entscheidenden Spiele bekommen.

Haben Sie denn schon was gehört?

SONNEBORN: Ja, ich musste mich nach der Bestechungsaktion ja kurz mit dem Anwalt des DFB und von Franz Beckenbauer treffen. Da stand eine Schadensersatzklage von 600 Millionen Mark im Raum. Und der Anwalt hat da - zwar mit einem sarkastischen Unterton, aber immerhin - gesagt: Ja, ja, und jetzt machen wir Sie noch zum Ehrenspielführer, und Sie und die ganze Redaktion bekommen Karten für das Finale. Ich habe dazu Ja gesagt. Damit ist das für mich ein gültiger, mündlicher Vertrag.

Erwägen Sie in dieser Sache selber rechtliche Schritte?

SONNEBORN: Nein, ich habe ja schon damals keine rechtlichen Schritte unternehmen wollen. Der DFB hat einfach mehr Geld als die „Titanic“. Bei einem Streitwert von 600 Millionen Mark können wir uns nicht mal die Anwaltskosten leisten. Deshalb haben wir damals auch klein beigegeben. Ich habe unterschrieben, dass ich Zeit meines Lebens keinen Einfluss mehr nehmen werden auf die Turniervergaben von Fifa und Uefa, indem ich Delegierten Versprechungen per Fax mache.

Auf Ihre Aktion folgte große Empörung.

SONNEBORN: Ja. Die „Bild“-Zeitung hat DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt zitiert mit den Worten: „Die Grenzen der Satire sind hier weit überschritten“. Dabei ist es ja so: Wo die Grenzen der Satire in Deutschland verlaufen, das entscheiden immer noch wir von „Titanic“, und nicht der DFB. Wir mischen uns ja auch nicht ein, wenn es um die Abseitsregel geht. Dann hat „Bild“ seine Leser aufgefordert, bei uns anzurufen und uns die Meinung zu sagen.

Was die dann auch gemacht haben.

SONNEBORN: Allerdings, neun Stunden lang standen unsere Telefone nicht still. Das fand ich gut, denn wir versuchen ohnehin mit Telefon-Aktionen häufig, mit solchen Leuten ins Gespräch zu kommen. Und wenn die sich dann auf ihre Kosten bei uns melden, ist das natürlich wunderbar. Die „Bild“-Leser können sich offenbar nicht vorstellen, dass bei der Vergabe von solchen Turnieren auch Bestechung im Spiel ist. Dabei geht es da um enorme Wirtschaftsfaktoren. Die FAZ hat mal ausgerechnet, dass das Turnier dem Land drei Milliarden Bruttosozialprodukt-Zugewinn und 30 000 bis 50 000 Arbeitsplätze bringt.

Sehen Sie Ihren Beitrag dazu denn ausreichend gewürdigt?

SONNEBORN: Ich glaube schon, auch wenn von Beckenbauer noch eher kritische Äußerungen kommen. Aber ich möchte mich hier noch einmal ausdrücklich bei Franz Beckenbauer bedanken für seine bestechende Vorarbeit. Er hat Weltreisen unternommen und mein Projekt damit unterstützt. Ich freue mich darüber, dass wir gemeinsam erfolgreich waren. Seine Reisen sind, glaube ich, mit 20 Millionen Euro zu Buche gestanden. Da haben wir eine günstige Variante gefunden. Uns sind ja nur 1,87 Mark Fax-Kosten entstanden.

Würden Sie das alles noch einmal tun?

SONNEBORN: Auf jeden Fall.



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