Von THOMAS AGTHE, 03.12.05, 07:03h
Die „kleine“ Heimat haben die Eltern durch den Krieg verloren, sie sind vertrieben und geflüchtet und können von Glück sagen, heil dorthin gelangt zu sein, wo Deutsch gesprochen wird. Dieses Schicksal teilen sie mit einer letztlich unbekannten Zahl von Landsleuten, die gleichwohl von den Historikern auf 12 bis 14 Millionen Menschen geschätzt wird. Der Vertreibung und Flucht der Deutschen als Folge des Zweiten Weltkrieges, die als die größte erzwungene Bevölkerungsverschiebung des vergangenen Jahrhunderts gilt, ist im Wesentlichen die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ gewidmet, die Bundespräsident Horst Köhler gestern Abend im Bonner Haus der Geschichte eröffnet hat.
Das Thema ist brandaktuell: Während der Eröffnung weilt die Bundeskanzlerin zum Antrittsbesuch in Polen. Die Deutschen untereinander hadern über der Frage, ob in der deutschen Hauptstadt ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ eingerichtet werden soll. Streitpunkt ist das auch mit den Nachbarn im Osten, wo mancher dem mächtigen, wiedervereinten Land im Westen misstrauisch gegenüber steht.
Und schließlich wirft die umfangreiche Ausstellung mit ihren 1500 Exponaten bei aller Konzentration auf die Vergangenheit die Frage auf, wie die Nation in Gegenwart und Zukunft die Migranten behandeln soll. Will sie dem Fremden Heimat sein, dort, wo Deutsch gesprochen wird? Dieser Tage hat die deutsche Bischofskonferenz in Bonn eine Studie vorgestellt, die die Zahl der ökonomisch motivierten Migranten weltweit auf 65 Millionen Menschen schätzt. Der Klimawandel zwingt künftig, so die Experten, weitere Migrantenströme in Richtung der reichen Staaten des Nordens.
Da erhält die Ausstellung einen zwingenden Gegenwartsbezug: Ob Heim-ins-Reich-Bewegung, ob Flüchtlingsleid der vor den Nazitruppen davoneilenden Menschen, ob Vertreibung der geschlagenen Deutschen aus Polen und aus der Tschechoslowakei - das vielfach zur Schau gestellte Leid der einstigen „Flüchtlinge“ schärft den Sinn für die heutigen Migranten. Und da die Ausstellung nicht Flucht und Vertreibung allein zum Thema hat, sondern gleichfalls darstellt, wie die Vertriebenen im westdeutschen und ostdeutschen Teilstaat - mit hohem bürokratischen Aufwand - integriert wurden, könnte glatt der Eindruck entstehen, dass diese Vertriebenen noch ein vergleichsweise gnädiges Schicksal fanden. Welcher Flüchtling heutzutage könnte überhaupt nur von einem Lastenausgleich träumen?
Inmitten all der Dokumente und materiellen Belege um Flucht und Vertreibung der Deutschen hat das Haus der Geschichte jedoch umfassende Möglichkeiten in die Ausstellung eingebaut, Zeitzeugen erzählen zu lassen und Flüchtlingsschicksale bis in die Gegenwart zu verfolgen. Dazu kann sich der Besucher eine Chipkarte am Eingang holen und sie an drei Stationen der Schau benutzen, um Einzelheiten zum Lebensweg eines bestimmten Vertriebenen abzufragen. Zusätzlich werden die Interviews zahlreicher prominenter Zeitzeugen geboten.
Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, Willy-Brandt-Allee 14. bis 17. April 2006, Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 9-19 Uhr.
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