Von SUSANNE HENGESBACH, 06.12.05, 07:15h
Ab Mitte fünfzig sprechen viele Männer am liebsten vom Vorruhestand oder davon, beruflich kürzer treten zu wollen. Ganz anders der große, schlanke Herr, der mir nun beim Kaffee gegenübersitzt. Reinhard J. Pelzer ist von der Vorstellung des süßen Nichtstuns Lichtjahre entfernt. Im Gespräch versprüht der 56-Jährige eine Lebendigkeit, die manchem 30-Jährigen fehlt, und er straft mit seinem Elan all jene Lügen, die behaupten, in diesem Alter sei man nicht flexibel oder belastbar genug, um sich beruflich noch einmal ganz umzuorientieren.
Möglich, dass ihm besonders vorteilhafte und im Übrigen hundertprozentig kölsche Gene - „meine Familie lebt seit 250 Jahren hier“ - neben dem Mut die Kraft gegeben haben, etwas Neues zu wagen. Gewiss hat bei Pelzer auch eine Mischung aus Unzufriedenheit und Zorn als Triebfeder gewirkt; letztlich war es wohl vor allem seine Entschlossenheit, gewisse Ideale nicht über Bord werfen zu wollen. Deshalb hat sich der Kölner Arzt nach etwa zehnjähriger Tätigkeit als Rheumatologe „quasi selbst vor die Tür gesetzt“, die rund „8000 Patienten im Bestand“ einem Nachfolger überlassen und im Sommer in Marsdorf eine Praxis für „Komplementär-Medizin“ eröffnet. Dort biete er - in Zusammenarbeit mit einem chinesischen Professor für Orthopädie - Behandlungsmethoden und Diagnostik an, für die die Schulmedizin hierzulande keine Nischen vorsieht.
„Zuwendungsmedizin“ sei heute doch kaum mehr möglich, sagt Pelzer, der übrigens jenseits der fünfzig auch noch zweimal Vater wurde und mit einer Türkin verheiratet ist. Die Schulmedizin werde zunehmend durch die Standards der Pharmaindustrie und Großgerätehersteller bestimmt und diene nicht mehr der Zufriedenheit der Patienten, sondern der Aktionäre. Zudem müsse sich ein Kassenarzt mit so vielen formellen Tätigkeiten herumschlagen, dass die effektive Arbeit mit dem Patienten „deutlich verringert“ werde. „Nach 20 Jahren weiß man, was man nicht mehr tun will.“ Umgekehrt wusste er bereits früh, was er wollte: Seinen persönlichen Horizont erweitern und auch beruflich über den Tellerrand hinausblicken. Pelzer erzählt, dass er als Student Feriensemester in Tunesien und in Genf absolvierte und schon da zu der Überzeugung gelangte, „dass Heilung ohne die Psychologie und ohne spirituelle Erkenntnisse nicht möglich“ ist. Am Rande des Atlasgebirges, wo er erste medizinische Erfahrungen sammelte, faszinierte ihn „die hohe Effizienz auf wirklich niedrigem Niveau“. Ein Arzt, der mehr den Computerbildschirm als sein Gegenüber im Blick hätte, das sei nicht das, was sich Patienten wünschten. „Die Schulmedizin schöpft nicht alle Wege aus“, lautet die Kritik Pelzers, dem ein kulturübergreifendes System und eine ganzheitliche Betrachtungsweise am Herzen liegen.
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