Von REINHARD KLEBER, 09.12.05, 07:06h, aktualisiert 09.12.05, 07:25h
Aldenhoven - Quietschende Reifen, stinkende Bremsen, heulende Motoren und ein riesiger Feuerball - für einen Film-Unfall sind erfahrene Stunt-Männer im Einsatz. Sie lenken einen Tanklaster, der sich bei einer Verfolgungsjagd quer stellt. Ein Transporter kann nicht mehr ausweichen, prallt auf und löst eine Explosion aus. Nachfolgende Autos schleudern durch die Feuerwand. Um den Crash möglichst eindrucksvoll zu gestalten, katapultieren Techniker der Produktionsfirma Action Concept aus Hürth den Transporter ferngesteuert mit Kanonentechnik über den Tanklaster.
Um derart aufwändige und riskante Action-Szenen zu drehen, müssen Action Concept und andere Firmen künftig keine Autobahnen mehr sperren lassen. Denn in Aldenhoven bei Aachen hat die „Film +Test Location“ (FTL), eine Tochterfirma von Action Concept, ihren Betrieb aufgenommen. Ihr „Autobahnstück“ ist angeblich Europas größte Filmkulisse für High-Speed-Autobahnszenen und kostete laut FTL-Geschäftsführer Volkmar Balensiefer 2,7 Millionen Euro.
Die Anlage, die auf dem Gelände einer ehemaligen Steinkohlenzeche gebaut wurde, bietet zwei zweispurige Fahrbahnen von je 1000 Metern Länge, außerdem Seitenstreifen, eine autobahntypische Ein- und Ausfahrt, eine Nothaltebucht und einen Autobahnparkplatz. Die beiden Fahrspuren werden durch eine 81 Zentimeter hohe Betonleitwand getrennt. Durch landestypische Beschilderungen und Markierungen kann die Strecke rasch in eine beliebige europäische Schnellstraße verwandelt werden. Mit den großzügig ausgebauten Wendeschleifen bietet das Gelände, das auch für Kraftfahrzeugtests und Show Events genutzt werden kann, eine Gesamtstrecke von 2300 Metern.
Der Geschäftsführer von Action Concept, Hermann Joha, freut sich: „Die Aufnahmen werden spannender, größer und schöner, das macht tierischen Spaß.“ Außerdem könne man hier Szenen drehen, die auf einer normalen Autobahn gar nicht möglich wären. Der 45-jährige Produzent erwartet von der neuen Filmkulisse eine Stärkung des Medienstandorts Nordrhein-Westfalen, da das Gelände weltweit vermarktet wird. Es gebe bereits Anfragen von Film- und Fernsehfirmen aus dem In- und Ausland. Kein Wunder: Eine vergleichbare Anlage kennt Joha nur aus Australien.
Die 65 000 Quadratmeter große Anlage bringt für TV-Teams eine beachtliche organisatorische Erleichterung, da Action-Szenen bisher nur an verkehrsarmen Wochenenden auf gesperrten Autobahnstücken gedreht werden konnten. Allein für „Alarm für Cobra 11“ (RTL), Deutschlands erfolgreichste Actionserie, waren das zuletzt zehn bis zwölf Wochenenden pro Jahr. „Das ist ganz schön ins Geld gegangen“, meint Joha. Ein weiterer Vorteil: Die Teams sind nicht mehr an enge Zeitrahmen und strenge Auflagen gebunden. Die Benutzung der FTL-Autobahn spart zudem Mietgebühren und bürokratische Genehmigungsverfahren und ist auch „familienfreundlicher, weil man jetzt unter der Woche drehen kann“.
Die Filmautobahn amortisiert sich natürlich umso eher, je mehr sie genutzt wird. Joha will daher nicht nur mehr Stunt-Szenen in neue Drehbücher schreiben lassen, sondern denkt auch schon über neue TV-Formate nach, die auf schnellen Straßen spielen, wie Notarzt- und Pannenhelferserien: „Wir haben bei RTL auch schon mehrere Comedy-Stoffe eingereicht, die einen Bezug zur Autobahn haben.“ Es müssen ja nicht immer Feuerbälle sein. (ddp)
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige
![]() |