Von MARIA WADENPOHL, 13.12.05, 07:22h
„Er hat nicht nur mit Karten, sondern auch mit den Gefühlen anderer gespielt.“ Wenn Sandra H. (alle Namen geändert) von ihrem Mann erzählt, schwingt in ihrem Tonfall viel Wut und Traurigkeit mit. Christian H. ist mit Leib und Seele Spieler. Kein aktiver mehr zwar, aber er ist und bleibt ein mentaler Zocker. „Spielsüchtige sind Menschen, die sich vor Verantwortung drücken und deshalb ins Spiel flüchten“, erzählt der 66-Jährige, „für sie ist das Leben ein ganzer Berg an Herausforderungen.“
Bei Christian H. beginnen die riesigen Herausforderungen, als er sich im Jahr 1968 als Elektromeister selbstständig macht - gemeinsam mit seiner Frau, die die Büroarbeit übernimmt. Als er erkennt, wie viel Verantwortung der eigene Betrieb mit sich bringt, verschwindet er immer häufiger in den Pausen, um zu spielen. Karten haben es ihm besonders angetan. „Ich habe gerne mit anderen gespielt, an den Automaten bin ich nur gegangen, wenn sich kein Mitspieler fand.“
Er beginnt, seine Frau anzulügen, wenn er sich in brenzligen Situationen aus dem Staub macht. Denn sie merkt, dass ihr Mann die Arbeit vernachlässigt, muss ihn erinnern, Rechnungen zu schreiben. „Das Schlimmste war noch nicht einmal das fehlende Geld. Die Reklamationen wegen mangelhafter Arbeit und der deshalb schlechter werdende Ruf des Betriebs, das tat viel mehr weh“, erinnert sie sich.
Dass ihr Mann unter Spielsucht leidet, ist ihr lange gar nicht klar. „Spielsüchtige sind äußerst überzeugend. Sie können ihre Mitmenschen hervorragend täuschen oder manipulieren. Sie spielen eben nicht nur am Automaten oder Roulette-Tisch, sondern in allen Lebenslagen“, weiß Sandra H. heute. Außerdem sei in der Öffentlichkeit wenig über Spielsucht bekannt gewesen. Auch beim Hausbau geht Christian H. auf Risiko. „Wenn ich schon ein Haus baue, muss es auch groß und toll sein, dachte ich. Heute weiß ich, dass ich unsere finanziellen Verhältnisse damit stark überstrapaziert habe.“ Damals habe er das nicht wahrhaben wollen. Genauso wenig wie die Pleite seines Betriebs. „Ich wollte das einfach nicht hinnehmen.“ Als Banken die Kredite schließlich kündigen, spitzt sich die Situation zu. Christian H. zockt weiter, jetzt erst recht. Denn er will sich von der Realität nicht einholen lassen. Mit seiner Frau streitet er immer häufiger. Bis sie droht, ihn zu verlassen.
Er versucht, aus eigener Kraft mit dem Spielen aufzuhören - und hält gut ein halbes Jahr durch. Seine Frau hört von der Selbsthilfegruppe der anonymen Spieler in Köln. Das Paar nimmt an den Treffen teil. „Dort traf ich auf Leute, die noch viel schlimmer dran waren“, erzählt der 66-Jährige. „Die alles verloren hatten und kriminell geworden waren, um ihr Spiel zu finanzieren. Da dachte ich: Du musst denen beweisen, dass du das schaffst. Bald habe ich aber verstanden, dass ich es nur mir selbst beweisen musste.“ Seine Frau besucht unterdessen eine Angehörigengruppe.
„Partner von Spielern trennen sich meistens. Denn die Betroffenen sind kaum beziehungsfähig“, sagt Sandra H., „sie können nicht viel geben, sich nicht öffnen.“ Sie selbst sei Co-abhängig geworden. Vieles habe sie hingenommen, ihrem Mann beigestanden in dem Glauben, dass alles besser würde - und sich selbst dabei mehr und mehr in ihm verloren. „Ich war immer der Kümmerer“, sagt sie. Noch heute ist die Spielsucht ein leidiges Thema bei den Eheleuten. Der 66-Jährige hofft, sich seiner Frau irgendwann richtig öffnen zu können - Stück für Stück.
Die „Anonymen Spieler“ treffen sich jeden Freitag um 20 Uhr im Jugendheim von St. Michael, Sandstraße 33. Ansprechpartner sind Hilde und Michael Schirmer, 02171 / 4 33 09.
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