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Die Welt rückt im Jugendzentrum zusammen

Von HARALD MAASS, 14.12.05, 07:00h

Rund zehntausend Globalisierungsgegner treffen sich am Rand der WTO-Konferenz in Hongkong. Auch zwei Studenten aus Bonn sind dabei. Die Hochhausmetropole mit ihren sieben Millionen Einwohnern ist Paradebeispiel eines weltumspannenden Kapitalismus.

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Globalisierungsgegner aus Südkorea
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Globalisierungsgegner aus Südkorea
Diese Stadt macht es einem Globalisierungsgegner nicht einfach. Den ganzen Tag sind Christian Abels und Sina Waidelich, zwei Studenten aus Bonn, durch Hongkongs Hochhausschluchten gewandert. Vorbei an glitzernden Shopping-Passagen und nach Fett riechenden Fastfood-Läden. Vorbei an Reklametafeln für Handys und Bankautomaten. In einem neonbeleuchteten Jugendklub hören sie, wie ein Aktivist aus Kambodschaner über Militarismus und Globalisierung referiert. Mit indonesischen und thailändischen Bauern demonstrieren sie für einen fairen Agrarhandel.

E-Mails nach Bonn

Jetzt sitzen die beiden Studenten der Südostasienwissenschaft mit Laptop im Starbucks Cafe, um ihre Erlebnisse und Fotos an die Kommilitonen in Deutschland zu mailen. Ein bisschen ist ihnen das etwas peinlich. Ausgerechnet bei Starbucks, der US-amerikanischen Kaffeehauskette, holen sie zur Kritik an dem globalisierten Welthandel aus. „Das ist der einzige Ort, an dem es Internetverbindungen gibt“, erklärt Christian.

Die WTO in Hongkong. Wahrscheinlich gibt es keinen passenderen Ort auf der Erde für dieses Großereignis des Welthandels. Die Hochhausmetropole mit ihren sieben Millionen Einwohnern ist Paradebeispiel eines weltumspannenden Kapitalismus. Die Stadt mit der höchsten Rolls- Royce-Dichte der Welt, mit einem Spitzensteuersatz von nur 15 Prozent. Gewerkschaften sind hier machtlos, statt Sozialhilfe gibt es Almosen. Während die Oberschicht nachts in trendigen Hochhausbars ihren Reichtum feiert, schieben alte Frauen kleinen Handwagen vor sich her und kratzen den Müll von der Straße. Mehr Kapitalismus geht nicht. Hongkong ist eine einzige, riesige Shopping-Passage, die zum ständigen Konsum verführt.

Daran kommen auch die Delegierten der WTO nicht vorbei. Am Flughafen begrüßen junge Frauen in Weihnachtsmann-Miniröcken und roten Pudelmützen die angereisten Regierungsfachleute und Vertreter von unabhängiger Organisationen. Die jungen Damen verteilen Einkaufsgutscheine zum Hongkonger Weihnachts-Shopping-Festival.

„In dieser Stadt sieht man die Widersprüche der WTO“, sagt Christian. Der 22Jährige trägt eine grüne Baseball-Kappe. Sina ist 23 und hat ein Piercing im Kinngrübchen. Als Teil einer Seminararbeit an der Universität Bonn berichten die beiden Studenten jeden Tag im Internet über die Ereignisse in Hongkong. Mit ihrem Dozenten Oliver Pye sitzen sie in einem Cafe in Wanchai, dem ehemaligen Rotlichtviertel der Stadt, wo sich nun jeden Abend die Vertreter internationaler „Unabhängiger“ treffen.

Pye ist Experte für Südostasien und Globalisierungsgegner der ersten Stunde. Ein freundlicher Typ mit Jeansjacke, der sich eine Mild Seven nach der anderen anzündet und den die Studenten Oliver nennen. „Aus meiner Sicht gehört die WTO abgeschafft“, sagt Oliver, der für Attac Deutschland in Hongkong ist. Er erzählt von thailändischern Bauern, die von westlichen Großfirmen über den Tisch gezogen werden, von der Ausbeutung chinesischer Fabrikarbeiter. Aus den Lautsprechern des Cafes säuselt „Jingle Bells“. Rund zehntausend Globalisierungsgegner sind nach Hongkong geflogen, um am Rande der WTO-Konferenz für einen fairen Welthandel zu demonstrieren. Das geplante Abkommen müsse „platzen“, erklärt Oliver. Doch im Gegensatz zu den vorigen WTO-Treffen in Seattle und Cancun, wo die Proteste zu chaotischen Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Polizei ausarteten, wird diesmal wohl friedlich bleiben.

Hinter geschlossenen Türen

Während der einwöchigen Tagung, zu der 6000 Delegierte und Hunderte Minister aus 149 Ländern anreisen, ist Hongkongs Innenstadt ein riesiges Bollwerk. Die Schaufenster der Luxus-Juweliere und Modeboutiquen sind mit Holzplatten verbarrikadiert. Sonst machen das hier die Ladenbesitzer nur bei der höchsten Sturmwarnung. Diesmal heißt der Taifun WTO. An manchen Häusern ist die ganze untere Fassade mit Plastikplanen abgeklebt, so dass sie wie riesige Weihnachtsgeschenke aussehen. „Die Panikmache vor den Demos ist übertrieben“, meint Attac-Mann Oliver. Anders als in Seattle und Cancun gebe es diesmal unter den Demonstranten keinen „schwarzen Block“, wie die radikalsten WTO-Gegner genannt werden. Selbst die rund 1500 angereisten Aktivisten aus Südkorea, die in Asien für ihre gewaltsamen Proteste berüchtigt sind, geben sich an den ersten beiden Tagen überraschend friedlich.

Vom Victoria-Park aus, wo abends Musikgruppen auftreten und fair gehandelte Produkte verkauft werden, ziehen am Dienstag einige Tausend Demonstranten in die Innenstadt. Sie marschieren nach Ländern geordnet. Die meisten kommen aus Japan, von den Philippinen und aus Indonesien. Einige der Koreaner haben ihre Gesichter vermummt, dumpfe Trommelschläge begleiten ihren Einzug. Auffällig ist, das kaum Bewohner von Hongkonger mitmarschieren.

„Wie Karneval“ sei die Atmosphäre, sagt Christian begeistert. Sina wundert sich, dass sich alles so brav abläuft. Entlang der Umzugsstrecke sind die Seitenstraßen sorgsam mit Plastikbändern abgegrenzt. „Die Polizei greift hier härter durch als bei uns“, sagt sie. Innen und Außen. Für die Dauer der Konferenz gibt es in Hongkong zwei Welten. Die eine ist das Kongresszentrums, das wie eine riesige Raumschiff aus Stahl und Chrom an der Wasserpromenade liegt. Vorbei an Polizeisperren aus Metallzäunen und Plastikabsperrungen, die wie große weiße Zähne aussehen, nach einem Computerscan des Teilnehmerausweises, einer Röntgenkontrolle der mitgebrachten Schreibunterlagen und einer Leibesvisitation kommt man in das Innere. Alles ist hochmodern. Lautlos tragen Rolltreppen die dunkelblau gekleideten Delegierten, Diplomaten und Journalisten von einer Ebene in die andere. Auf Großbildleinwänden leuchten die Termine mit den Pressekonferenzen.

Die Verhandlungen finden hinter geschlossenen Türen statt. Bei dem Gefeilsche zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern um den Abbau von Subventionen und um Milliardenbeträge will sich niemand über die Schulter schauen lassen. Für Millionen Familien aus den armen Ländern mag es hier um die Zukunft gehen. In der sterilen Stille des Kongresszentrums ist davon nichts zu spüren. Die andere Welt ist draußen.

Sechs Uhr abends, Unterrichtsraum Nummer 502 im „Boys and Girls Club“. Das mehrstöckigen Jugendzentrum in Wanchai ist Hauptsitz und Informationsbörse der „Unabhängigen“ und Globalisierungsgegner. Junge Afrikanerinnen in bunten Trachten warten vor dem Aufzug. Eine blonde Frau aus den USA verteilen Flugblätter. Jeden Tag gibt es hier Dutzende Informationsveranstaltung und Strategiesitzungen. „Für uns ist es wichtig zu erfahren, was innen abläuft“, sagt Oliver. Eigentlich steht jetzt ein Symposium über „Soziale Migration in Asien“ auf dem Programm. Doch das Pult mit den etwas zu groß geratenen Mikrofonen am vorderen Teil des Raumes ist leer. Christian und Sina setzten sich zu den indonesischen Frauen, die auf grauen Stühle warten. Jemand hat einen Schokoladenkuchen mitgebracht, der nun auf der Fensterbank angeschnitten wird.

Dass das Symposium offensichtlich ausgefallen ist, stört niemand. Man unterhält sich, erfährt neues. Oliver kommt mit Fischerfrauen aus Thailand ins Gespräch, es geht um Fangquoten und Zölle. Ein Japaner referiert später über die Verantwortung der Industriestaaten. Hier im Jugendzentrum rückt die Welt zusammenrückt. Der Handel bekommt ein menschliches Gesicht. Spät am Abend fahren Christian, Sina und Oliver nach Kowloon. Für ein paar Euros haben sie sich in einem Gästehaus für Rücksacktouristen eingemietet. „Die ganz hohen Tiere verdrängen das einfach“, sagt Christian und meint damit die WTO-Funktionäre. „Dass es eine andere Welt gibt als die der Fünf-Sterne-Hotels.“



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