Von INGE GÜNTHER, 24.12.05, 07:00h
Bethlehem - Der Begriff „Checkpoint“ greift zu kurz, um die israelische Einlasskontrolle nach Bethlehem zu beschreiben. Ein Vergleich mit dem ehemaligen DDR-Transit Marienborn trifft die Sache schon eher. Wer sich heute aus Richtung Jerusalem in die Geburtsstadt Christi aufmacht, muss einen ausgetüftelten Kontrollparcours bewältigen. Seit Ende November ist die neun Meter hohe Mauer im Norden Bethlehems komplett.
Schlecht gelaunt prüft die Soldatin im Wachhäuschen die Ausweispapiere, unbeeindruckt von dem Friedensgruß „Schalom“, den ihr die leicht eingeschüchterten Fahrgäste zuwerfen. Immerhin, der Schlagbaum geht hoch. Jetzt dürfen sie sich einfädeln in die Warteschlange vor der eigentlichen und einzigen Mauerpassage nach Bethlehem. Fast kommt man sich vor, als ob man ein Hochsicherheitsgefängnis betritt, als sich endlich das gewaltige Metalltor öffnet.
Kein Wunder, dass sich die Einwohner wie Eingeschlossene fühlen. „Die Geburtsstätte der Christenheit“, sagt der Bürgermeister Victor Badarseh mit Sinn für Dramatik, „hat sich in ein Gefängnis verwandelt.“
Den Nordwesten schnüren in einem gewellten Halbkreis Betonsegmente ein. Nach Osten hin schließt sich ein Sperrzaun an. Im Süden rücken jüdische Siedlungen der Stadt zu nahe. Sicher, das bescheiden weihnachtlich dekorierte Zentrum rund um die Geburtskirche hat seinen Charme nicht eingebüßt. Aber das schläfrige Straßenleben wirkt, bei aller Beschaulichkeit, niedergedrückt. Bethlehem unter Verschluss - in diesem Jahr noch massiver als im Vorjahr.
Und doch regt sich neuer Aufbruchsgeist. „Open Bethlehem“ - macht die Tore hoch - nennt sich eine Kampagne, die eine örtliche Bürgerinitiative in Kooperation mit der Stadtverwaltung und Unterstützern in London und Washington jüngst gestartet hat. Erklärtes Ziel: die Kunde in alle Welt zu tragen, „dass nicht nur für die Palästinenser, sondern für die Menschheit etwas auf dem Spiel steht, wenn Bethlehem in die Isolation versinkt.“ So jedenfalls drückt es Carol Dabdouch aus, die Koordinatorin des Projekts.
Die Idee entstammt einem Gag. Während Dreharbeiten über ihre Heimatstadt hatte die Filmemacherin Leila Sansour den Einfall, Passanten in London zu befragen, wo denn Bethlehem liege. Die meisten waren bei ihrer Antwort unsicher, ob das überhaupt ein real existierender Ort sei und nicht nur ein legendärer, biblischer Schauplatz. Nach Diskussionen mit Freunden beschloss Sansour, dass Bethlehem dringend wieder auf die Landkarte des allgemeinen Bewusstseins gehöre.
Eine Idee führte zu weiteren. Eine Internet-Seite wurde kreiert, ein Büro in der Bethlehemer Universität zur besseren Vernetzung mit der Außenwelt eingerichtet, ein Programm für Touren nach und Konferenzen in Bethlehem lanciert. „Unsere Stadt steht schließlich in einzigartiger Weise für die Botschaft von Frieden, Liebe, Gleichheit und Koexistenz. Das sind Werte, die universal hochgehalten werden“, meint Carol Dabdouch.
Als weiteren Anreiz hat die Initiative für all jene, die sich ganz besonders um die Geburtsstadt verdient machen, einen eigenen Bethlehem-Pass geschaffen, mit dem eingravierten Sankt Georg auf dem roten, in Leder gebundenen Kuvert. Der soll dereinst den Drachen getötet und die Jungfrau gerettet haben und gilt seither als der von Christen wie Moslems verehrte Stadtheilige.
Am 1. Dezember kam der erste Pass aus dem Druck, drei Tage später überreichte ihn Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas persönlich Papst Benedikt XVI. in Rom. Der hat zwar streng besehen noch nicht außergewöhnlich viel für Bethlehem getan - abgesehen von einer Zusage, so Bürgermeister Badarseh, „für uns zu beten“. Aber vielleicht, darauf hoffen jedenfalls die Passaussteller, nehme der Papst ja die von Abbas ausgesprochene Einladung nach Bethlehem an oder rufe gar die Christen aller Länder auf, „zu uns zu kommen“.
Das Millenniumsjahr, als Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. auf dem Platz vor der Geburtskirche die Messe zelebrierte, erscheint den Bethlehemern im Rückblick geradezu paradiesisch. Zumindest bis zum Beginn der zweiten Intifada im September 2000. Bis dahin lief das Pilger- und Touristengeschäft auf Hochtouren. Heutzutage hingegen tröpfelt diese Einnahmequelle nur noch. Auch wenn die Besucherzahlen wieder leicht steigen, fristet die Hälfte der Bewohner ein Leben unterhalb der Armutsgrenze.
Die meist von israelischen Reiseveranstaltern für einen Kurztrip herangekarrten Gäste lassen kaum einen Schekel in palästinensischen Souvenirläden. Individualtouristen wiederum schreckt die Mauer ab. „Dabei hat es zu keiner Zeit“, betont Dabdoub, „hier irgendwelche Angriffe auf Ausländer gegeben.“ Von den kursierenden Gerüchten, der irakische El-Kaida-Flügel wolle ausgerechnet an Weihnachten in Bethlehem zuschlagen, hält sie gar nichts. Diese Schauergeschichten seien just in der Woche in Umlauf gesetzt worden, als Israel den martialischen neuen Grenzübergang in Betrieb nahm. „Kein Zufall“, glaubt sie, „plötzlich drehten sich alle Gespräche über die Panik und erst in zweiter Linie über die Mauer.“ Vielleicht reagieren Leute unter Einschluss auch nur klaustrophobisch.
Auf ins Grüne. Zehn Autominuten braucht es von der Bethlehemer Universität bis zum biblischen Hirtenfeld in Beit Sahour. Einige Kellner und Händler sitzen dort wie wartend auf Godot. Außer an der Wasserpfeife zu ziehen, haben sie nichts zu tun. Keiner in Sicht, der eine Besichtigungstour will, keiner, der ihre geschnitzten Andenken kauft. Kein Stern am Himmel über Bethlehem. Das einzige, was im Tal glitzert, ist der silbrig aufblinkende Stacheldraht des Hochsicherheitszauns.
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