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Frustrierte Ärzte im Berliner Schneeregen

Von Ulrike von Leszczynski, 28.11.05, 15:05h

Sie tragen ihre weißen Klinik-Kittel, lutschen Vitaminbonbons und stehen so verloren im Berliner Schneeregen wie sie sich fühlen: Aus Frust über ihre Arbeitsbedingungen sind hunderte Ärzte der Berliner Charité am Montag in einen einwöchigen Streik getreten.

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Protestmarsch der Ärzte in Berlin
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Protestmarsch der Ärzte in Berlin
Berlin - Sie tragen ihre weißen Klinik-Kittel, lutschen Vitaminbonbons und stehen so verloren im Berliner Schneeregen wie sie sich fühlen: Aus Frust über ihre Arbeitsbedingungen sind hunderte Ärzte der Berliner Charité am Montag in einen einwöchigen Streik getreten. Rund 750 Mediziner demonstrierten bei Minusgraden gegen Gehaltseinbußen, unbezahlte Überstunden und drohende Stellen-Kürzungen. Als Europas größtes Universitätsklinikum sieht sich die Charité bei ihren Problemen als Präzedenzfall für die deutsche Hochschulmedizin. Die Gewerkschaft der Klinikärzte, der Marburger Bund will den Streik auf kommunale Kliniken ausdehnen. Bis zum 9. Dezember läuft die Urabstimmung, kündigte der Verband am Montag an.

Trotz Streiks fahren an der Charité auch am Montag die Ambulanzen vor. Der Rettungshubschrauber ist wie immer in der Luft. Die Notfall-Versorgung haben die rund 2300 Charité-Ärzte auch in der Streikwoche gesichert. Rund 3240 Betten in 128 Kliniken versorgen die Charité-Ärzte normalerweise mit mehr als 10 000 weiteren Mitarbeitern und sind auch für 8000 Studenten da.

Es sind vor allem junge Mediziner, die auf die Straße gehen. Sie haben Transparente mit ironischem Unterton gemalt. "Geiz ist geil" steht darauf, "3-Euro-Job" oder auch "Wir sehen uns in England", in Anspielung auf die Abwanderung einiger Mediziner ins Ausland. "Mir geht es darum, dass sich die Strukturen ändern", sagt Assistenzarzt Martin Köhnlein. "Um reich zu werden, macht man diesen Job schon lange nicht mehr".

Köhnleins persönliche Charité-Strukturen lassen sich in Zahlen fassen. Er hat eine halbe Stelle mit 20 Stunden in der Woche. "Ich arbeite aber 50 bis 60 Stunden pro Woche, um alles zu schaffen", sagt er. Die Nachtdienste, die Stationsdienste, die Studentenbetreuung. Rund 1300 Euro Gehalt bekommt er dafür im Monat - netto. Für die gesamte Charité hat die Ärzteinitiative 85 000 unbezahlte Überstunden pro Monat errechnet.

Wie viele seiner Kollegen ist Martin Köhnlein kein Barrikadenkämpfer. Die 30 Prozent Gehaltserhöhung für Ärzte, die der Marburger Bund für einen neuen Tarifvertrag gefordert hat, nennt er "illusorisch für Berlin". Ein Haustarifvertrag mit der Vergütung aller Ärzteleistungen und sichereren Verträgen würde ihm schon reichen. Denn an der Charité geht es darum, zu retten, was zu retten ist. 266 Millionen Euro muss das Klinikum nach Berechnungen des Vorstands bis 2010 einsparen. Aus Sicht der jungen Ärzte würde dies weitere Gehaltseinbußen und auch die Streichung von 300 Ärzte-Stellen in den kommenden fünf Jahren bedeuten.

"Wer nicht spurt, wird rausgekantet", übersetzt ein junger Gynäkologe auf der Demonstration die Vorstands-Planungen für sich. "Das Fass ist einfach übergelaufen", ergänzt Alexandra Coumbos, Oberärztin an der Frauenklinik. "Bisher haben sie uns immer mit Ethik und Moral rumgekriegt, aber damit ist jetzt Schluss". Sie hofft auf eine bundesweite Strahlkraft der Charité-Aktionen. Noch habe die Klinik ja einen großen Namen - und Vorbildfunktion. (dpa)



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