Von MARIANNE QUOIRIN UND TIM STINAUER, 28.12.05, 06:57h
Köln - Die Verlockung ist groß, sagt André, das Risiko lebensgefährlich. Kürzlich hätte der 27-Jährige beinahe wieder Ja gesagt. „Ich brauchte dringend Kohle. 200 Euro hätte der Typ mir gegeben, wenn ich es ohne Kondom gemacht hätte.“ Aber André lehnte ab: „Der war mir unheimlich, wirkte ungepflegt. Das war mir zu riskant. Wer weiß, was der für Krankheiten hatte. Ein bisschen versuche ich schon, darauf zu achten.“
Seit fünf Jahren arbeitet André (Name aller Betroffenen geändert) als Stricher in Köln. Seine Kunden - vor allem Geschäftsmänner und Messebesucher - lernt er in der Altstadt kennen, in Kneipen oder vor einschlägigen Hotels. Hundert Euro nehme er pro Stunde, verrät der schlaksige Pole. Sonderwünsche kosten extra. „Es gibt viele Freier, die wollen ungeschützten Sex. Ich habe es ein paar Mal mitgemacht“, erzählt André. Ob er jemals einen Aids-Test gemacht hat? „Nein, nie. Ich möchte das nicht wissen. Ich habe Angst vor dem Ergebnis.“
Er nimmt einen Schluck aus der Tasse, die vor ihm steht und starrt auf die Tischplatte. André erzählt von einem Stammfreier, der sich in der Altstadt-Szene bewegt. „Typ Geschäftsmann, verheiratet, zwei Kinder, heimlich bisexuell. Der will immer Sex ohne Kondom. Vielleicht ist er längst infiziert.“ Seine Familie ahnt nichts von den Ausflügen des Mannes in die Stricherszene. „Und nach dem Sex fährt er nach Hause in die heile Welt, zu seiner Frau und den Kindern“, sagt André.
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Die Sorglosigkeit wächst. Aids hat offenbar seinen Schrecken verloren. Das belegen die kürzlich veröffentlichten Zahlen vom Robert Koch Institut: 30 Prozent mehr Menschen als in den vergangenen Jahren haben sich 2005 mit HIV infiziert. Köln ist mit zwölf Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner bundesweit führend. Etwa 2500 Menschen in der Stadt leben mit dem tödlichen Virus, deutschlandweit sind es 49 000.
„Aids hat an Dramatik verloren“, sagt Heidi Eichenbrenner von der Aidshilfe Köln. Die Gründe: „Viele denken fälschlicherweise, der Virus sei inzwischen heilbar. Andere haben ganz persönliche Risikovermeidungsstrategien entwickelt, verzichten zum Beispiel auf bestimmte Sexualpraktiken und glauben, dann passiere schon nichts.“ Kondome würden noch immer nicht „mit Herzenslust“ genommen. Die Expertin fürchtet, dass die Infektionszahlen in den kommenden Jahren weiter steigen. Ein Grund sei, dass sich vor allem Heterosexuelle vor einem Aidstest fürchten. Untersuchungen zufolge ringen sich die meisten erst vier bis acht Jahre nach einer möglichen Infektion zu einem Test durch, schwule Männer lassen sich im Schnitt nach zwei bis drei Jahren testen. Eichenbrenner: „Wir können nur ahnen, was da im Moment schlummert.“
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Anne K. erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie sich infizierte. Genauer an den Abend in einem Hotel, als sie nach einem Geschäftsessen an der Bar mit einem Fremden zu flirten begann und ihn später auf ihr Zimmer mitnahm. Anne K. weiß das alles so genau, weil sie diesen Tag im Mai 1999 nie vergessen kann: An dem Morgen hatte sie herausgefunden, dass ihr Mann sie mit seiner Sekretärin betrügt. Sie machte ihm keine Szene, setzte sich in den Flieger von Köln nach München, absolvierte ihre Termine wie immer und initiierte am Abend das Abenteuer: „Ich wollte einfach wissen, ob ich den schönen jungen Mann verführen kann.“ Sie lacht, aber ihr Lachen klingt hohl: „ Es ist alles so kindisch. Ich wollte mich rächen. Ich wollte mir etwas beweisen. Einmal.“
Fünf Monate später wurde ihre HIV-Infektion bei einer Routine-Untersuchung entdeckt. Für Anne K. begann mit 32 ein neues Leben, eines von dem sie nie geträumt hatte: eine schmutzige Scheidung, Umzug von Köln nach Hamburg in die Nähe ihrer ältesten Schwester, die Annes Tochter, damals vier, in ihre große Familie aufnahm, Verlust des alten Jobs, den sie seit Einnahme der Medikamente nicht mehr schafft. Sie sagt, dass es anderen HIV-Infizierten viel schlechter gehe, sie könne gelegentlich „kleine Aufträge“ annehmen, sei finanziell durch eine Erbschaft „ganz gut abgefedert“. Aber an manchen Tagen wagt sie nicht die Wohnung zu verlassen, wenn extreme Durchfälle sie schwächen: „Ich bin dann nicht gesellschaftsfähig.“
Sie zeigt Fotografien aus der Zeit, bevor sie die Therapie begann: Eine strahlend schöne Frau in einem eng taillierten Hosenanzug. Jetzt hält sie manchmal nach Umstandsmoden Ausschau, um die Fettansammlungen an Bauch und Hüften zu verbergen. Mit einem Badeanzug für werdende Mütter geht sie auch schwimmen. Das ist die einzige Sportart, die sie noch ausüben kann.
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Der Fall Anne K. ist ein ungewöhnlicher. Die 38-Jährige gehört nicht zu den klassischen Risikogruppen. „Das sind nach wie vor Drogengebraucher, die Spritzen tauschen, schwule Männer oder Heterosexuelle, die als so genannte Sextouristen in Gegenden reisen, wo HIV und Aids weit verbreitet sind“, sagt Heidi Eichenbrenner von der Aids-Hilfe Köln. Und sie weist auf eine Gefahrenquelle hin, die den Aufklärern seit Jahren zunehmend Sorgen bereitet: Kontaktbörsen im Internet. „Hier bauen die Chatpartner ziemlich schnell gegenseitig Vertrauen auf, machen sich Versprechungen.“ Oft enden die virtuellen Plaudereien in realen Abenteuern. „Und weil man glaubt, den anderen durch die Chats schon so gut zu kennen, verzichtet man auf Kondome“, sagt Eichenbrenner. Für viele bedeute „Safer Sex“ nicht Sex mit Gummi, sondern „Sex mit einer vertrauten Person, von der man sich nicht vorstellen kann, dass sie HIV-positiv ist“, sagt Michael Schuhmacher, der Geschäftsführer der Kölner Aidshilfe .
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Anastasia weiß es seit fünf Jahren. Die Kölnerin ist HIV-positiv. In ihrer Heimat, einer ehemaligen Sowjetrepublik, wurde die 35-Jährige nach einer Fehlgeburt bei einer Transfusion im Krankenhaus mit verseuchtem Blut angesteckt. Mit einem Touristenvisum reiste sie nach Köln zu einer Verwandten. „Hier bekomme ich eine gute Behandlung. In meiner Heimat kriegen HIV-Erkrankte keine Medikamente“, erzählt die Mutter zweier Kinder. Auch ihren Ehemann hat sie hier kennen gelernt - und eingeweiht. Freunde und Bekannte dagegen ahnen nichts von Anastasias Krankheit. „Man muss sich schon genau überlegen, wem man davon erzählt. Man weiß nie, wie der Einzelne reagieren würde“, sagt sie.
Ein „Schock“ sei es gewesen, als sie vom positiven Testergebnis erfahren habe. Sie verfiel in Depressionen, nahm 16 Kilo ab. „Ich spürte wochenlang Magenkribbeln.“ In einem Café in Köln begegnete sie ihrem heutigen Ehemann Bernd. Der 36-Jährige richtete sie wieder auf, begleitete sie zu Ämtern und Ärzten. Im Augenblick hat Anastasias Körper die tödlichen Viren im Griff. „Die Viruslast liegt unterhalb der Nachweisgrenze“, sagt sie und nimmt täglich ihre Tabletten.
Vor zwei Jahren kam Anastasias und Bernds Sohn zu Welt. Er ist gesund. Das Risiko, HIV-positiv zur Welt zu kommen, hatte nach Einschätzung der Ärzte bei einem Prozent gelegen. Auch vor dem Zeugungsakt selbst hatte Bernd Angst, gibt er zu. „Aber die Gefahr mich anzustecken, war klein, die Virenlast im Körper meiner Frau war schon damals gering.“
Nun hofft Anastasia auf den medizinischen Fortschritt. „Im Moment geht es mir gut“, versichert sie. „Die Infektion war Schicksal. Ich hätte auch schon bei der Operation vor fünf Jahren sterben können. Aber ich habe überlebt. Das empfinde ich als großes Glück.“
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