Von HANS-HELMUT KOHL, 10.01.06, 07:00h
Paris - „Ich werde Ségolène nicht vorwerfen, dass sie populär ist.“ François Hollande, Chef der Sozialistischen Partei Frankreichs, versucht es mit Ironie, wenn er ein ums andere Mal nach den positiven Umfragewerten seiner Lebensgefährtin Ségolène Royal gefragt wird. Die Präsidentin der Region Poitou-Charente im Westen Frankreichs, die diese Bastion des bürgerlichen Lagers bei den Regionalwahlen vor knapp zwei Jahren im Sturm eroberte, liegt derzeit an der Spitze der potenziellen Bewerber für die Präsidentschaftsnachfolge von Staatschef Jacques Chirac, die im Frühjahr 2007 entschieden wird.
Und erstmals lässt sie nicht nur die zahlreichen selbst ernannten sozialistischen „Kandidaten für die Kandidatur“ hinter sich, sondern auch alle möglichen konservativen Gegner wie Premierminister Dominique de Villepin oder den ehrgeizigen Innenminister und Parteichef Nicolas Sarkozy. Knapp die Hälfte aller Französinnen und Franzosen können sich inzwischen mit dem Gedanken anfreunden, künftig eine Frau an der Spitze des Staates zu sehen - gewiss auch eine Folge des Aufstiegs von Angela Merkel.
Die vierfache Mutter, die Umwelt-, Schul- und Familienministerin der neunziger Jahre, hat sich mit ihrem „anderen“, weil zurückgenommenen Verhalten von dem halben Dutzend Männer in ihrer Partei abgesetzt, die Chirac im Élysée-Palast nachfolgen wollen und sich für diese Kandidatur seit Monaten warm laufen. Lange galt Ségolène Royal lediglich als „Chouchou“ der Medien, der Liebling von Presse, Funk und Fernsehen, für die „neue“ Gesichter in der Politik immer angenehm sind. Aber inzwischen hat sich Ségolène Royal, die nach wie vor keine der Parteiströmungen hinter sich weiß, über die Wahlumfragen eine eigene Dynamik erarbeitet, an der die „Elefanten“ der Sozialistischen Partei (PS) wie Ex-Premier Laurent Fabius, Ex-Superminister Dominique Strauss-Kahn oder Ex-Kulturminister Jack Lang und der Parteichef selbst nicht länger vorbeisehen können.
„Ich bin bereit“, sagt sie, wenn sie heute danach gefragt wird, ob sie sich tatsächlich auch bewerben wird. Allerdings müsste „der Elan“, den sie in den Umfragen spürt, „andauern“ und sich auch auf die Basis der PS übertragen, die nach dem von Parteichef Hollande aufgestellten Fahrplan im November über die Präsidentschaftskandidatur entscheiden soll. Ob es dann in einer zweiten Runde noch zu einer offenen Volksabstimmung über einen gemeinsamen Bewerber aller linken Gruppierungen kommt, um die Zersplitterung des Jahres 2002 zu vermeiden, ist noch unklar.
Derweil pflegt Ségolène Royal die demonstrative Distanz zu den Parteigrößen, wie sich erst an diesem Wochenende wieder zeigte. Während sich die Creme der Linken am Geburtsort von François Mitterrand im westfranzösischen Jarnac versammelte, um des 10. Todestages des bislang einzigen sozialistischen Staatspräsidenten zu gedenken, zeigte sich Royal in Santiago de Chile, um dort die Präsidentschaftskandidatin Michelle Bachelet zu unterstützen.
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