Von MONIKA ZIMMERMANN, 11.01.06, 19:53h
Berlin - In Deutschlands Schuldenhauptstadt passieren noch Wunder: So soll der Abriss des Palastes der Republik in Berlin acht Millionen Euro billiger sein als geplant. Statt für 20 Millionen will eine Firma aus Oldenburg den 1976 eröffneten Prunkbau der DDR für 12 Millionen Euro dem Erdboden gleich machen.
Das kann die Gegner des Abrisses nicht versöhnen. Sie kämpfen weiter: mit bösen Anschuldigungen („Lohndumping“) gegen die Firma und einer Mobilisierungskampagnen („Bringt den Palast in die Medien“). Nobelpreisträger Günter Grass, Grünenchefin Claudia Roth und Schauspieler wie Daniel Brühl („Good bye, Lenin“) sind schon gewonnen.
Denn der Baugrund ist historisch belastet: Wo heute die nackte Hülle des völlig entkernten Palasts der werktätigen DDR-Bevölkerung der Witterung ausgesetzt ist, stand einst das Schloss der Hohenzollern. Auf Geheiß von SED-Chef Walter Ulbrichts wurde der im Krieg stark beschädigte ehemalige Dienstsitz der letzten deutschen Kaiser 1952 gesprengt. Mit dem Ende des Sozialismus auf deutschem Boden reiften Träume heran, das Hohenzollern-Schloss an alter Stelle wieder aufzubauen.
Mit dem Näherrücken des Abrisstermins für den Palast der Republik noch in diesem Monat wird mit härteren Bandagen gekämpft: Seit einigen Tagen kursiert in der Hauptstadt ein Papier, das die Spendenpraxis des Vereins der Schlossfreunde in ein schiefes Licht tauchen soll. Selbst von Korruption ist da die Rede. Im Mittelpunkt steht der Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien. Seit seine Baumaschinenfirma in Konkurs ging und er als bezahlter Geschäftsführer des Verein der Schlossfreunde fungiert, bietet er eine ideale Angriffsfläche. Doch die Schlossbefürworter sind mindestens so streitlustig wie die Palastfreunde und haben inzwischen einen Grundsatzbeschluss des Deutschen Bundestages auf ihrer Seite: Der entschied 2004 für den „Neubau in den Umrissen des Schlosses“.
Wie der geplante Neubau nach dem Ende der Abrissarbeiten zu Ostern 2007 bezahlt werden soll, steht aber noch in den Sternen. Der Bund will sich zwar „in angemessener Weise“ beteteiligen. Aber was heißt „angemessen“ bei Baukosten von rund 1,2 Milliarden Euro und leeren Staatskassen allenthalben? Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) konnten darüber jedenfalls kein Einvernehmen erzielen, als beide dieser Tage über das Thema sprachen. Ein privater Investor ist weit und breit nicht in Sicht, und dass die Mehrkosten von 80 Millionen Euro für die historische Fassade über Bürgerspenden aus aller Welt nach dem Vorbild der Dresdner Frauenkirche aufgebracht werden können, bleibt wohl eher Wunschdenken.
Seit der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, den Vorschlag machte, hinter der Schlossfassade seine Sammlungen mit außereuropäischer Kunst unterzubringen und damit die Museumsinsel als „Humboldt-Forum“ bis auf den Schlossplatz auszudehnen, scheint die Nutzung für einen Teil des riesigen Komplexes zur allgemeinen Zufriedenheit geklärt. Doch wird der Streit vorerst munter weitergehen. Längst geht es nämlich nicht mehr nur um die Frage: Palast oder Schloss? Oder, anders gesagt, darum, ob der Vorzeigebau des Arbeiter- und Bauernstaates einer Kopie der Herrschaftsarchitektur Preußens weichen muss. Es tobt inzwischen eine Art Kulturkampf. Während die einen, die den leeren Palast längst als eine Art Riesen-Atelier und -Galerie entdeckt haben, diese Freifläche für die Kunst bis aufs Messer verteidigen, wollen die anderen hier zwar auch Kultur haben, aber eben in der etablierten Form des Museums. Gewissermaßen kämpft im Palast der Republik also das Chaos gegen die Ordnung - und das mitten im Herzen der Hauptstadt.
Ein solcher Kampf mobilisiert ungeahnte Kräfte, so dass sich die Verantwortlichen des Berliner Senats längst fragen, ob es eine gute Idee war, das für 70 Millionen Euro asbestsanierte und bis auf das Stahlgerüst abgemagerte Palastgerippe für künstlerische Aktivitäten freizugeben. Diese Zwischennutzung hat in den letzten zwei Jahren einen eigenen Charme entwickelt und dazu geführt, dass der Palast als originelle Location gilt und Freunde gewann, die nichts mit der DDR-Nostalgie von „Erichs Lampenladen“ am Hut haben. Dass hier die Industriebosse des BDI ihre Jahrestagung veranstalteten und Unternehmensberater ein Fest feierten, zeigt, dass der Palast zu neuen Ehren kam - je abgewrackter, desto schicker.
Insofern ist nicht ausgemacht, was passiert, wenn die Bagger tatsächlich anrücken. Logistisch ist der Abriss jedenfalls bis ins Detail geplant: 56 600 Tonnen Beton, 600 Tonnen Ziegel und Holz, 500 Tonnen Glas, 1000 Tonnen Dämmmaterial, Bitumen und Kunststoff müssen entsorgt werden. 19 300 Tonnen Eisen und Stahl ebenfalls, auch wenn die noch weiterverkauft werden sollen. Das meiste soll auf dem Wasserweg abtransportiert werden. Eine eigene Anlegestelle wurde bereits an der Spree errichtet, die an Rückseite des Palastes vorbeifließt. Zehn Transportschiffe am Tag sollen die Reste beseitigen und der Ausflugsverkehr auf dem Wasser soll mit Ampeln geregelt werden.
Aber es muss nicht nur viel Material weg- , es muss auch viel hintransportiert werden. 80 000 Kubikmeter Sand und 20 000 Kubikmeter Oberboden werden gebraucht, um die riesige 180 mal 120 Meter große Bodenwanne zu füllen, in der der Palast errichtet wurde. Wenn diese Wanne befreit wird von dem Gewicht des Gebäudes, steigt der Grundwasserspiegel. Gefahr droht deshalb für den Berliner Dom und den Marstall. Sie könnten absacken. „Die schwierigste Aufgabe“, das sieht der mit der Abrissplanung beauftragte Ingenieur Hartmut Kalleja jetzt schon voraus, „ist die Demontage der bis zu 81 Meter langen Stahlträger“.
Auch wenn die Bauleute zuversichtlich sind, die Aufgabe technisch bewältigen zu können, so ist keineswegs ausgemacht, ob der erbitterte Streit um den Abriss nicht mehr ins Rutschen bringt als die Nachbargebäude. Zumal die Aussicht, am Ende nur eine Freifläche gewonnen zu haben, nicht gerade bestechend ist. Deshalb hat Berlins Bausenatorin Junge-Reyer (SPD) dringend geraten, die alten Fundamente freizulegen und die Pläne für das neue „Humboldt-Forum“ zu zeigen. Das Wort „Schloss“ wird neuerdings in Berlin vermieden. Es passt nicht in die Zeit.
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