Von Peter Hahne, 14.01.06, 07:00h
Sozialkassen immer leerer
Durch den Run in die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse und in die Selbständigkeit brechen den Sozialkassen die Einnahmen weg, und gleichzeitig muss der Staat immer mehr Arbeitslose alimentieren. Seit 1991 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse von 30 Millionen auf heute nur noch 26,2 Millionen zurückgegangen - ein Minus von 13 Prozent. Bei den Vollzeitbeschäftigten ist die Situation noch dramatischer. Hier summiert sich der Rückgang in den vergangenen 15 Jahren auf 18 Prozent oder fünf Millionen Stellen.
Fünf Millionen weniger Vollzeitstellen „alarmieren Politik und Öffentlichkeit“, heißt es in einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei der Bundesagentur für Arbeit (BA). Die IAB-Forscher haben sich auf die Suche nach den Gründen für den erschreckenden Rückgang bei den regulären Beschäftigungsverhältnissen gemacht. Ihr Ergebnis: Die schleppende Konjunktur hat etwa ein Drittel zu verantworten, ein weiteres Viertel ist dem Strukturwandel der Volkswirtschaft geschuldet. Obgleich die Konjunktur seit 1991 fast durchweg zugelegt hat, ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit Ausnahme der Boomjahre 1999 und 2000 stetig zurückgegangen. In allen anderen Jahren war das Wachstum zu schwach, um die so genannte Beschäftigungsschwelle zu überschreiten.
Der Schwellenwert, ab dem Unternehmen neue Jobs schaffen, lag in dem betrachteten Zeitraum bei rund zwei Prozent. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent reichte folglich nicht aus, um unterm Strich für mehr Beschäftigung zu sorgen. Das ist gemeinhin bekannt, interessanter ist darum der Blick auf die Einflüsse des Strukturwandels auf den Stellenabbau.
Hier gilt folgende zentrale Beobachtung: Produzierendes Gewerbe und die Branchen Finanzierung, Vermietung und Firmendienstleistungen haben ihre Position in der Volkswirtschaft in den vergangenen 15 Jahren praktisch getauscht. Während der Anteil des produzierenden Gewerbes an der Wertschöpfung der Volkswirtschaft von knapp 31 auf nur noch 25 Prozent gesunken ist, stieg der Anteil der Dienstleister im gleichen Zeitraum von 23 auf gut 29 Prozent. Das Problem für die Arbeitnehmer: Das gesamte Arbeitsvolumen im Dienstleistungssektor ist trotz der höheren Wertschöpfung als im Produzierenden Gewerbe weitaus geringer. Anders gewendet: Es werden weniger Arbeitskräfte gebraucht, um die gleiche, in Geld bewertete Leistung zu erbringen.
Das schlägt sich auch in den Teilzeitquoten nieder, die im Wirtschaftszweig der Dienstleistungen, Finanzierung und Vermietung deutlich höher ist als im klassischen produzierenden Gewerbe. Während im produzierenden Gewerbe seit 1991 rund 3,5 Millionen Vollzeitstellen abgebaut wurden, stieg dort die Zahl der Teilzeitjobber um magere 15 000. Bei Banken, Versicherungen und anderen Dienstleistern konnten 870 000 neue Vollzeitstellen und 350 000 Teilzeitjobs den Rückgang zwar abfedern, aber längst nicht ausgleichen.
Schafft Merkel Abhilfe?
Das ist aber noch nicht alles: Der Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstellen sei von der Politik durch die Förderung von Minijobs und Selbstständigkeit auch aktiv forciert worden, merken die IAB-Experten an. „Die geringfügige Beschäftigung hat sich mehr als verdoppelt, und die Zahl der Selbstständigen und mithelfenden Familienangehörigen stieg um fast ein Viertel.“ Während bei den Minijobs rund 80 Prozent des Bruttolohns beim Arbeitnehmer verbleiben, sind es bei einer regulären Stelle nach Steuern und Abgaben nur noch 53 Prozent. „Sozialversicherungspflichtige Vollzeit nahm zu Gunsten anderer Erwerbsformen ab, weil der Staat diese bevorzugt behandelt“, merken die IAB-Forscher kritisch an.
Wie zu hören ist, will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hier bald Abhilfe schaffen. Die Gewerkschaften sollen ihr klar gemacht haben, dass es so nicht weitergehen kann.
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