Von CHRISTINE MEYER, 11.01.06, 18:32h, aktualisiert 11.01.06, 22:13h
Mit der Anfang Januar erfolgten millionenschweren Auftragsvergabe dürfte das letzte Kapitel in der wechselvollen Geschichte des Palastes der Republik begonnen haben. Zwar gehen die Proteste des Bündnisses für den Palast, eines Zusammenschlusses unterschiedlichster Gruppierungen, weiter. „Am 14. Januar ist wieder ‚Stopptag’ mit Musik und Party vor dem Palast“, kündigt Mitinitiator Matthis Nägele an. Am 20. Januar steht das Thema noch einmal auf der Tagesordnung des Bundestages. Aber die Chancen, den Abriss in letzter Minute verhindern zu können, stehen nicht gut. Das Parlament stimmte bereits 2002 für den Wiederaufbau des Stadtschlosses und damit gegen den einstigen Sitz der Volkskammer, und auch die Mehrheit der rot-roten Berliner Regierung sieht das Gebäude lieber heute als morgen verschwinden.
Parteitag, Palastball und Popkultur
Als Erich Honecker im November 1973 bei der Grundsteinlegung für das gigantische Projekt verkündete: “Der Palast der Republik soll ein Haus des Volkes sein“, so klang das in den Ohren vieler DDR-Bürger vermutlich wie Hohn. Unter einem Dach mit dem Alibi-Parlament Volkskammer und in einem Gebäude, das nur auf Kosten der übrigen DDR-Bezirke realisiert werden konnte, schien das ausgeschlossen. In der Tat: Mit dem Palast der Republik setzte sich der Staats- und Parteiapparat ein monumentales Denkmal anstelle des ungeliebten und Anfang der fünfziger Jahre gesprengten Stadtschlosses. Bei Aufmärschen und Paraden sollte die Bevölkerung Honecker und Co., die sich auf dem breiten Balkon des Palastes postierten, huldigen.
In der Praxis wurden die Paraden nur sehr kurze Zeit durchgeführt, und auch die drei- bis viermal im Jahr stattfindenden Sitzungen der Volkskammer waren eher eine Randerscheinung der vierzehnjährigen sozialistischen Palastgeschichte. Das Haus hatte mit seinem prall gefüllten Veranstaltungskalender eine Auslastung von 95 Prozent. Die Palette war groß: Es gab Politisches, Volkstümelndes und Provinzielles, aber auch Theater und Satire im Grenzbereich des offiziell Erlaubten. Besonders beliebt waren Bowlingbahn und Jugendtreff mit „staatlich geprüften Schallplattenunterhaltern“ (so hießen Discjockeys), alles im knalligen Stil der siebziger Jahre designt. Restaurants und das übrige Service-Angebot bildeten eine Ausnahme in der üblichen Servicewüste DDR, hier wehte ein Hauch von Eleganz und westlichem Lebensstil.
Postsozialistisches Siechtum
Mit der Schließung des Gebäudes wegen Asbest-Verseuchung begann 1990 die zweite Hälfte der inzwischen fast 30-jährigen Palast-Existenz. Sie ist geprägt von Siechtum und Verfall, aber auch von den Auseinandersetzungen um die Zukunft der Mitte Berlins. Kein anderes deutsches Gebäude hat in den letzten Jahren die Öffentlichkeit in dem Maße polarisiert wie der Palast der Republik. Denkmalpfleger und Architekturhistoriker machen frühzeitig auf die historische Bedeutung des einstigen „Palazzo Prozzo“ aufmerksam: „Vom Palast bis zur Platte“ gebe es erhaltenswerte Zeugnisse sozialistischer Baukultur. Der monumentale Bau dümpelt am Spreeufer währenddessen vor sich hin, und spätestens mit der Asbest-Entfernung 2003 ist vom einstigen Protz nichts mehr zu erkennen. Die Bundes- und Landespolitik will in ihrer Mehrheit das Schloss: Die „gute Stube“ Berlins in unmittelbarer Nachbarschaft zur Museumsinsel soll nicht durch das sozialistische Relikt verunstaltet werden. Politische Beweggründe tarnen sich häufig als ästhetische Argumente.
Eine manchmal unfreiwillige Allianz gehen die Denkmalpfleger mit anderen Palast-Kämpfern ein. Diese hauptsächlich ostdeutsche Lobby wirft den Abrissbefürwortern „Siegermentalität“ vor. Bei der Suche nach Argumenten wird von den „Ostalgikern“ gelegentlich die Vergangenheit verklärt, wenn der Palast als „Volkshaus in alter sozialdemokratischer Tradition“ bezeichnet wird und zum Symbol für die Volksnähe der Staatsführung mutiert.
Neues Leben in der Ruine
Die Aktivisten vom Palastbündnis sehen sich nur ungern in dieser Tradition. Matthis Nägele betont, dass ein großer Teil der Unterstützer aus dem Westen stammt und sich jenseits von ideologischen Debatten für den Erhalt des Gebäudes einsetzt. „Es ist ein Fehler, den Palast abzutragen. In spätestens 20 Jahren wird das Bedürfnis nach Erinnerung zurückkommen“, argumentiert Nägele. Seit die Ruine von „Erichs Lampenladen“ bei der Zwischennutzung 2003 zum ersten Mal Raum für Kulturveranstaltungen bot, begeistert sich ein immer größer werdender Kreis von meist jungen Leuten für deren morbiden Charme. Die Initiative Volkspalast wandelte 2004 das Haus in ein experimentelles Kulturzentrum um, je nach Bedarf wurde der riesige entkernte Innenraum zu Theatersaal, Sportarena oder See. Zuletzt sorgten zwei Kunstausstellungen auch im Ausland für ein positives Echo.
Da das Gebäude in seiner einstigen Form nicht mehr existiert, wollen Nägele und seine Mitstreiter zumindest den Rohbau erhalten. „Der Palast ist nicht mehr der Palast“, so Nägele, aber sinnvoller als eine ungewisse Zukunft mit kaum finanzierbarem Humboldt-Forum wäre eine Ausnutzung der enormen Fläche, die das Gebäudegerüst bietet. Hier könnten problemlos die Landesbibliothek und das Museum für außereuropäische Kultur untergebracht werden – im Schloss-Nachbau wäre das so nicht möglich. Mit dem Konzept des Palastbündnisses könnte der Palast der Republik doch noch dauerhaft das werden, was Erich Honecker seinerzeit beschwor: ein Haus des Volkes.
Kulturkampf um einen leeren Palast
Vorschläge des Palastbündnisses
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