Von BETTINA JOCHHEIM, 19.01.06, 07:12h
Eine kunstinteressierte niederländische Dame besuchte im Oktober 2005 Brühl und selbstverständlich auch Schloss Augustusburg. Sie nahm sich einige Broschüren mit nach Hause, darunter auch die, die über die Meißener Porzellan-Pretiosen in den Brühler Schlössern informiert. Zurück in Amsterdam, zeigte die Brühl-Touristin ihrer Tochter die Schriften. Diese wiederum arbeitete zu dem Zeitpunkt im Auktionshaus Christie's und erinnerte sich daran, dass ein Teller des „Chur-Cöllnischen Services“ in einer der nächsten Auktionen aufgerufen werden sollte. Offenbar getrieben von dem Wunsch, dieses Teil der wertvollen Sammlung wieder an seinen Ursprungsort zurückführen zu können, nahm Dr. Dagmar Korbacher, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Christie's, Kontakt zu Uwe Skibbe, dem Leiter der Schlossverwaltung in Brühl, auf. Sie unterrichtete ihn darüber, dass die Anbieteplatte bei der Porzellanauktion am 2. November unter den Hammer komme, schickte ihm Fotos und nähere Erläuterungen.
Fahrt nach Amsterdam
Skibbe und seine Mitarbeiter waren begeistert und versuchten noch, den 30 Zentimeter großen Teller direkt zu kaufen und damit aus der Auktion herauszunehmen. Dies aber gelang nicht, da er bereits unter der Nummer 119 im Versteigerungskatalog aufgeführt war. So stieg Christiane Winkler, Historikerin bei der Schlossverwaltung, in den frühen Morgenstunden des 2. November ins Auto und fuhr mit zwei Begleitern nach Amsterdam. Im Auktionshaus angekommen, gab man ihr die Bieternummer 699. Ihre Mitfahrer mahnten sie zur Gelassenheit, „keinesfalls sollte ich die übrigen Bieter mein großes Interesse spüren lassen“, erinnert sie sich. Im Katalog war der Prachtteller mit 2000 bis 3000 Euro ausgewiesen. Nachdem die Vorgebote abgegeben waren, lag die Platte bereits bei 4500 Euro. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Winklers Adrenalin-Spiegel stieg. „Ich war ganz schön aufgeregt.“ Private Interessenten, Telefonbieter und Winkler überboten sich jeweils um 500, später um 1000 Euro und näherten sich der 8000-Euro-Marke. Für Winkler war damit die Grenze nahezu erreicht. Mit Sorge beobachtete sie die Konkurrenten - und hatte Glück. Bei 8000 Euro bekam sie den Zuschlag. Einschließlich der niederländischen Mehrwertsteuer und des Versteigerungsaufschlags gelangte der Teller für 10 000 Euro in den Besitz des Brühler Schlosses. Vor wenigen Tagen erreichte er - gut verpackt von der Frechener Kunstspedition Hasenkamp - sein altes und zugleich neues Domizil. Wenn die Brühler Schlösser am Mittwoch, 1. Februar, wieder für das Publikum geöffnet werden, wird er in der linken, runden Vitrine im Speise- und Musiksaal zu bewundern sein.
Und damit gesellt sich das barocke Stück zu den 21 anderen Teilen der Sammlung „Chur-Cöllnisches Service“, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten für das Brühler Schloss zurückgekauft wurden und seitdem in eigens konstruierten Tischvitrinen gezeigt wird.
Auftrag des Kurfürsten
Das Service wurde in der Meißener Porzellanmanufaktur zwischen August 1741 und Juli 1742 von den Chefmodelleuren Johann Joachim Kaendler und Johann Gottfried Eberlein speziell für den „Churfürsten von Cölln“, Clemens August, entwickelt. Einflussreiche Gäste, die Clemens August auf Schloss Augustusburg empfing, dinierten von dem Porzellan.
Ein durchgängiges Gestaltungsmotiv bilden die vieleckigen Gefäßformen sowie die an Tellerrändern und Zierleisten angehängten reliefierten und vergoldeten Muscheln. Florale Motive, die vorwiegend botanischen Lehrbüchern entnommen sind, sowie Schmetterlinge und Käfer zieren das Porzellan. Das auf jedem Stück ein- oder zweimal wiederkehrende CA-Monogramm, umgeben von einem Band mit dem Hochmeisterkreuz des Deutschen Ordens und gekrönt vom Kurfürstenhut, verweist auf den Auftraggeber des Services, das einst aus 184 Teilen bestand.
Es war eines der ersten einheitlich gestalteten Großservices der Meißener Manufaktur. Nach dem Tod Clemens Augusts im Jahre 1761 wurde das gesamte Porzellan zunächst in die Schatzkammer des Bonner Residenzschlosses gebracht, später in zwei Bestände aufgeteilt und 1764 mit dem übrigen Nachlass, der das gesamte Schlossinventar beinhaltete, versteigert.
Beide Porzellanposten wurden von Carl Alexander von Lothringen, Schwager von Kaiserin Maria Theresia und Nachfolger Clemens Augusts als Hochmeister des Deutschen Ordens, erworben. „Dadurch kam er günstig zu einem Service mit seinen Initialen »CA« und Würdenzeichen“, heißt es in der Infobroschüre des Brühler Schlosses.
Erst nach dessen Tod wurde das Porzellan auseinander gerissen und in die ganze Welt verkauft. Im Frühjahr 2004 konnten 72 Teile in Museen und Sammlungen ausgemacht werden. Das Brühler Ensemble bildete schon damals den größten zusammenhängenden Bestand und wird nun mit der neuen Anbieteplatte noch einmal erweitert.
„Es ist eine wirkliche Bereicherung für uns“, sagen Skibbe, Winkler und die Schlossverwalterin Brigitte Meiser.
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