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Dialogisch, nobel, ohne Bevormundung

Von JOACHIM FRANK, 26.01.06, 06:45h

Das Überraschende ist der Ton, nicht der Inhalt. Und der Stil des Papstes ist ein Teil seiner Botschaft. Im ersten Lehrschreiben Benedikts XVI. spricht nicht mehr der vatikanische Glaubenshüter, sondern der umfassend gebildete Intellektuelle.

Das Überraschende ist der Ton, nicht der Inhalt. Und der Stil des Papstes ist ein Teil seiner Botschaft. Im ersten Lehrschreiben Benedikts XVI. spricht nicht mehr der vatikanische Glaubenshüter, sondern der umfassend gebildete Intellektuelle, der souverän auf Denker von der Antike bis zur Aufklärung zugreift und wie selbstverständlich mit Religionskritikern vom Range Friedrich Nietzsches im Gespräch ist. Das ähnelt sehr den Essays des Theologen Joseph Ratzinger - wohltuend dialogisch, in hohem Maße ästhetisch, ohne doktrinäre Enge und Bevormundung. Wer vom früheren Chef der Glaubenskongregation ein Kompendium von Vorschriften, Verboten, Mahnungen und Weisungen erwartet hätte, wird überrascht - positiv oder negativ, je nach Standpunkt.

Dabei hätte die Versuchung zur Moralpredigt beim Thema „Liebe“ ja nahe gelegen. Schließlich hat sich Rom in der Vergangenheit so oft über die Sexualmoral verbreitet, dass selbst Wohlmeinende von einer Fixierung sprechen. Auch Ratzinger warnt vor der „Übermächtigung durch den Trieb“. Aber er tut dies nobel, selbstkritisch mit Blick auf leibfeindliche Züge in der kirchlichen Tradition, und er setzt auf Einsicht, nicht auf Einschüchterung.

Damit fügt sich die Enzyklika ein in die ersten neun Monate des Pontifikats. Direkt nach seiner Wahl, aber auch beim Kölner Weltjugendtag 2005 hat Benedikt XVI. der Welt die Botschaft zugerufen: „Christus nimmt nichts, sondern gibt alles.“ Als Papst probt Ratzinger mit einigem Erfolg den Rollenwechsel vom obersten Verteidiger der reinen Lehre zum ersten PR-Mann seiner Kirche, fromm gesprochen: zum Missionar.

Die Wahl des Themas „Liebe“ erinnert im ersten Moment an die anekdotische Frage, worüber der Pfarrer am Sonntag gepredigt habe. „Über Maria.“ - „Und was hat er gesagt?“ - „Er war dafür.“ Ähnlich erwartbar scheint ein Lobpreis der (Nächsten-)Liebe durch das Oberhaupt der katholischen Kirche zu sein. Doch Benedikt XVI. hat damit keineswegs den Anspruch preisgegeben, ein Programm zu formulieren, eine Art Regierungserklärung. Nach dem in jeder Hinsicht breit angelegten Wirken Johannes Pauls II. will sich der Nachfolger auf den Kern des Glaubens konzentrieren.

Nun hätte er allerlei nennen können, was in diesen Kern gehört. Aber er greift die Liebe heraus, einen der - wie er selbst einräumt - am meisten missbrauchten Begriffe. Das vermeintlich Unpolitische dieses Ansatzes ist selbst das Politikum: Zu Recht verweist die Enzyklika auf den Missbrauch der Religion zur Rechtfertigung von Hass, Gewalt und Rache. Das ist erkennbar auf die pervertierten Formen des Islams gemünzt, aber auch die pseudoreligiösen Motive in der Kreuzzugs-Rhetorik eines George W. Bush werden buchstäblich durchkreuzt.

Sicher, der Papst wird nach dem geistlichen Höhenflug von „Deus Caritas Est“ wieder herunterkurven müssen in die kirchliche und gesellschaftliche Ebene. So wird die Liebe des obersten Hirten zu den Ortskirchen schon an seinen nächsten Kardinals- und Bischofsernennungen abzulesen sein. Einstweilen ist Benedikt XVI. erneut gelungen, was in der Nachfolge Johannes Pauls II. schier unmöglich schien: einen eigenen Maßstab zu setzen.

Am Lesertelefon können Sie heute von 12 bis 13 Uhr mit Joachim Frank diskutieren - 02 21 / 777 003 2851.

joachim.frank@ksta.de



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