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Mit Salat lässt es sich gut reimen

Erstellt 28.01.06, 07:03h

Robert Gernhardt über Heinrich Heine, den er erst spät für sich entdeckte, und die Kunst der Dichtung. Gernhardt tritt nächste Woche mit seinem Programm "Reim und Zeit" in Köln und Düsseldorf auf. Mit ihm sprach Marianne Kolarik.

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Dichter unter sich: Robert Gernhardt (l.) und Heinrich Heine
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Dichter unter sich: Robert Gernhardt (l.) und Heinrich Heine
Der Dichter tritt nächste Woche in Köln und Düsseldorf auf. Mit ihm sprach Marianne Kolarik.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Gernhardt, In ihrem Programm „In Zungen reden“ widmen Sie sich den stilistischen Eigenarten von Dichtern. In einem Ihrer Verse heißt es, dass es Ihrem ehemaligen Lehrer Kraus seinerzeit gelungen sei, Ihnen Heine madig zu machen.

ROBERT GERNHARDT: Das hat er! Deswegen bin ich erst relativ spät dazu gekommen, alle Gedichte von Heine zu lesen. Während meines Studiums lief er mir allerdings bereits als Essayist über den Weg. Wie er die romantische Schule beschrieben und die einzelnen Dichter charakterisiert hat, fand ich sehr hilfreich. Das war viel plastischer als das, was unsere Professoren leisten konnten. Genauer habe ich mir die Gedichte dann angeschaut, als ich 2004 den Heinrich-Heine-Preis verliehen bekam.

„Hätt er aber Mäuler zwei, / Löge er sogar beim Fressen“ dichtete Heine noch auf dem Sterbebett. Wenn man bedenkt, dass ein armer Poet kurz vor seinem Tod etwas derart Komisches schreibt. . .

GERNHARDT: Arm war er nur im Hinblick auf seine körperlichen Gebrechen. In seinen späteren Jahren kam er ja noch zu etwas Geld. Aber große Sprünge konnte er nicht machen, weil er ja sieben Jahre lang ans Krankenbett gefesselt war.

Über Heine schreiben Sie: „Wenig Leben, doch viele Gedichte.“ Ist das das Los eines jeden Dichters?

GERNHARDT: Der Romancier hat es noch schwerer, weil er noch mehr Lebenszeit für seine dicken Bücher opfern muss. Aber Georges Simenon hat es angeblich geschafft, 10 000 Frauen glücklich oder unglücklich zu machen und nebenher auch noch 500 Bücher zu schreiben. Das ist eine Frage der Konstitution, und es hängt davon ab, wie viel Leben ich brauche, um Stoff zu haben für eine neue Produktionsstrecke. Es gibt da sicherlich, wie in allen anderen Berufen, auch die unterschiedlichsten Typen.

Stimmt es, dass sich alle Gedichte verbessern lassen?

GERNHARDT: Gedichte sind Menschenwerk. Es gibt viele, die sich verbessern. Ich habe einmal zu meinem großen Schreck in einem meiner eigenen Gedichte einen schweren logischen Schnitzer gefunden. In meinem neuen Gedichtband gibt es eine Richtigstellung; ich erkläre, was im „Bodenseereiter“ falsch war. Das widerfährt einem, wenn man zwischen Tag und Traum dichtet.

Sie haben einmal gesagt, dass alle Gedichte komisch sind.

GERNHARDT: Dazu stehe ich immer noch. Worte in einem Gedicht aneinander zu reihen, ist ein hoch abstrakter Einstieg ins Sprachspiel. Das hat etwas Komisches, weil die Reimmöglichkeiten so unterschiedlich verteilt sind. Wichtige Worte wie Mensch haben keine Reimwörter, und unwichtige wie Salat haben hundert. Das macht die Sache für mich zum Griemeln, nicht zum lauten Lachen.

Könnten Sie ein Beispiel nennen!

GERNHARDT: Es gibt so eingefahrene Reimworte wie Brust auf Lust, Schmerz auf Herz, die bereits Dichtern des 19. Jahrhunderts unheimlich, manchmal idiotisch vorkamen. Es ist immer wieder eine Herausforderung, daraus was zu machen. Der habe ich mich auch gestellt. Wie zum Beispiel in einem Vierzeiler, in dem ich versuche, Herz und Schmerz mit Geld und Welt zusammenzubringen. Meister der Dichtkunst reimen so, dass man es nicht merkt, dass der Reim ganz zurück- tritt, so dass man nicht das Leiern und Rattern des Reimschemas hört, sondern sich getragen fühlt von einem Wohllaut, den man so genau gar nicht verifizieren kann. Das ist die große Kunst.

Wenn Heinrich Heine heute in Deutschland leben würde, fände er immer noch genügend Anlässe, um zu schreiben?

GERNHARDT: Er hätte sicher vieles zu sagen, wenn er heute zur Feder greifen könnte, obwohl es seine größten Widersacher, wie etwa die Zensur, in der Form nicht mehr gibt. Aber er war ja ein Schandmaul, und da gäbe es auch heute genug Stoff, an dem er sich reiben könnte. Ob er beim Fernsehen mit seinen Texten durchkommen würde, ist eine andere Frage. Und diejenigen, die ihn heute lieben, wie Reich-Ranicki, Biermann, Rühmkorf oder eben Gernhardt, wären wahrscheinlich keine großen Heine-Anhänger mehr, weil er auch uns in seiner geschliffen bösartigen Art aufs Korn nehmen würde. Wir würden den Kopf schütteln und sagen: „Na ja, stilistisch ist er brillant, aber als Charakter. . .“ Mit der Linken hat es sich Heine seinerzeit ja auch verdorben. Ganz bestimmt würde er sich auch heute zwischen alle Stühle setzen.

Sie halten derzeit Vorträge an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Kann man Dichten lernen?

GERNHARDT: Es geht darum, die Angst vor Gedichten runterzufahren und den Studenten zu zeigen, dass Gedichte nicht nur eine Interpretationsaufgabe sind. Gedichte haben für viele einen muffigen Beigeschmack. Früher war viel mehr Heiterkeit mit im Spiel. Genau das will ich versuchen, deutlich zu machen: dass jedes Gedicht ein Menschenwerk ist und wie man es verbessern und das bereits Bestehende mit neuen Inhalten auffüllen kann. Dichter waren lange Zeit sakrosankt. Das muss immer wieder neu aufgelockert werden.



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