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Medizinischer Datenzauber

Von MARCUS ANHÄUSER, 31.01.06, 06:57h

Eine Epidemie der Volkskrankheit jagt durch die Medien: Acht Millionen Deutsche sollen Diabetes haben, fünf Millionen Arthrose, vier Millionen Asthma. Doch nur die wenigsten Studien, die dies behaupten, haben eine gute Datengrundlage.

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Heißes Thema: Gesund oder krank?
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Heißes Thema: Gesund oder krank?

Eine Epidemie der Volkskrankheit jagt durch die Medien. Wer hören will, wie viele Menschen angeblich an den unterschiedlichsten Krankheiten leiden, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Man wundert sich, dass es in Deutschland überhaupt noch gesunde Menschen gibt“, sagt Stefan Wilm, Epidemiologe am Uniklinikum der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Acht Millionen Deutsche sollen Diabetes haben, fünf Millionen Arthrose, sieben Millionen Osteoporose, vier Millionen Asthma, zehn Millionen Inkontinenz. Zwei Millionen leiden an einer Insektengiftallergie, drei Millionen an der Lungenkrankheit COPD. Oder könnten es sogar zehn Millionen sein?

„Es gibt zwar viele Zahlen zur Häufigkeit von Krankheiten“, erklärt Jürgen Stausberg, Epidemiologe an der Essener Universitätsklinik. Doch solange nicht klar sei, wie sie erhoben wurden, könne leicht ein falscher Eindruck entstehen. „Die wenigsten Studien haben eine so gute Datengrundlage, dass sie sich auf die Gesamtbevölkerung hochrechnen lassen“, weiß Christa Scheidt-Nave vom Berliner Robert-Koch-Institut (RKI). Wie weit medizinische Propaganda und Realität mitunter auseinander klaffen, offenbart eine Untersuchung von Wilm zum so genannten „Offenen Bein“, einem Unterschenkelgeschwür, meist hervorgerufen durch eine Durchblutungsstörung der Beinvenen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in Berlin - die Vertretung der Kassenärzte gegenüber den Krankenkassen - geht von 1,2 Millionen betroffenen Bundesbürgern aus. Wilm und seine Kollegin Josta Meidl werteten die Daten von 40 Allgemeinarztpraxen mit 54 000 Patienten aus. Eineinhalb Jahre lang sollten die Ärzte jeden Fall eines Unterschenkelgeschwürs melden. Am Ende waren es gerade mal 64 Patienten. Wilm folgert daraus: „Statt der beschworenen 1,2 Millionen haben nach unseren Hochrechnungen bundesweit nur 50 000 Menschen ein offenes Bein.“

In ähnlichen Dimensionen bewegt sich die - in Fachkreisen anerkannte - Bonner Venenstudie, die in den Jahren 2000 bis 2002 zu dem Schluss kam, dass 0,1 Prozent der Deutschen an einem akut offenen Bein leiden würden. Bei einer Bevölkerung von rund 80 Millionen wären das etwa 80 000. Eine Nachfrage bei der KBV, wie die Zahl von 1,2 Millionen zustande kommt, offenbart einen haarsträubenden Rechenfehler. Die KBV beruft sich auf die Bonner Venenstudie. Nur dass nach KBV-Rechnung 0,1 Prozent der Bevölkerung 800 000 Menschen ergeben, obwohl man nach Adam Riese hier nur auf 80 000 kommt. Eine Null zu viel also - wobei auch zwischen 800 000 und den angeblich 1,2 Millionen Betroffenen noch eine große Lücke klafft.

Täuscht der Eindruck, man wolle mit hohen Zahlen die Krankenkassen dazu „verführen“, aus Sondertöpfen zusätzliche Gelder lockerzu- machen, die das übliche Budget der Ärzte übersteigen? Von der Hand zu weisen sei der Verdacht jedenfalls nicht, findet Stefan Wilm. Roland Stahl, Pressesprecher der KBV, weist den Vorwurf der „Zahlenschönfärberei“ entschieden zurück: „Es geht um Verbesserungen der Versorgung für bestimmte Patientengruppen. Patientenschick- sale lassen sich nicht an Zahlen festmachen.“ Ein Hang zu überhöhten Zahlen findet sich allenthalben: in Werbebroschüren und auf Internetseiten von Pharmafirmen, auch bei Selbsthilfegruppen. Wer auf ein Leiden aufmerksam machen will, versucht, durch selektives Hervorheben besonders großer Krankenzahlen ein Szenario der Bedrohung zu erzeugen. Auch die Presse springt eher bei einer Krankheit an, die Millionen betrifft. Jüngstes Beispiel: Inkontinenz. Um auf das oft aus Scham verschwiegene Leiden aufmerksam zu machen, übermittelte die Deutsche Presseagentur Ende 2005 ein Gespräch mit dem Stuttgarter Urologen Ulrich Humke, demzufolge es rund fünf Millionen Menschen gibt, die ihren Harn oder Stuhl nicht zurückhalten können. Ein Problem sei die Dunkelziffer: „Ich schätze die Zahl der Betroffenen auf das Doppelte.“ Das wäre jeder achte Deutsche.

Im Jahr 2050 soll gar jeder Fünfte inkontinent sein. Dafür gebe es keinen wissenschaftlichen Nachweis, räumt Humke ein. Seine Prognose beruhe auf „einer inoffiziellen Hochrechnung der Versorgungswirtschaft“, zu der die Hersteller von Windeln gehören. Nach den Verkaufszahlen der Industrie wären heute schon zehn Millionen Menschen inkontinent. In 45 Jahren wären dann 40 Prozent aller Einwohner betroffen. Das kann sich auch Humke nicht vorstellen. „Rechnet man Übertreibung und wirtschaftliche Interessen heraus, könnte eine Zahl von 20 Prozent realistisch sein.“

Eine Methode, mit der sich Zahlen hochtreiben lassen, ist die Ausweitung einer Krankheitsdefinition. Der Cholesterinwert, war zeitweise so niedrig gesetzt, das 90 Prozent der Deutschen überhöhte Blutfettwerte hatten. Experten sprechen von schleichender „Medikalisierung der Gesellschaft“: Immer mehr Gesunde werden zu Kranken erklärt.

Dass man versuche, Aufmerksamkeit für „seine“ Krankheit zu erzeugen, kann Christa Scheidt-Nave vom RKI sogar verstehen: „Es gibt schon Stiefkinder wie Inkontinenz, Arthrose oder Osteoporose, bei denen man eben nicht mit Schwerstkranken und Toten handeln kann.“ Nur: Mit wissenschaftlich nicht belegten Zahlen zu operieren, sei nicht akzeptabel. So bleibe nur eines: „Eigentlich muss man bei jeder veröffentlichten Zahl erst recherchieren, auf welchen Daten sie beruht.“



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