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Beats, Bässe und Battle-Rap

Von SEBASTIAN ZÜGER, 03.02.06, 13:13h

Deutschsprachigen HipHop präsentiert das Label Testosteron Cologne - handnummeriert und mit Küsschen. Das Projekt macht sich einen Spaß aus aggressivem Sprechgesang.

Bild: Max Grönert
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Keine Raprevolution ohne eingebautes Mikrofon: Losgetreten haben sie die eigentlich handzahmen Wordakrobaten Kaiser T. (l.), Flash Volboa und Makka N! mit ihrem HipHop-Label Testosteron Cologne.
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Keine Raprevolution ohne eingebautes Mikrofon: Losgetreten haben sie die eigentlich handzahmen Wordakrobaten Kaiser T. (l.), Flash Volboa und Makka N! mit ihrem HipHop-Label Testosteron Cologne.
Deutschsprachigen HipHop präsentiert das Label Testosteron Cologne - handnummeriert und mit Küsschen.

Sonntagnachmittag bei Rappers: Die WG-Zimmer in der Subbelrather Straße sind feiertagsfrisch aufgeräumt, die Holzdielen gebohnert. Flash Valboa deckt den Tisch mit dem guten Geschirr, Makka N! kämpft mit der Kaffeemaschine und Kaiser T. reicht gedeckten Apfelkuchen. „Deine Mutter mag mein Label“, steht auf seinem Kapuzenpulli. Da kommt Mitbewohner Timo mit dem Laptop in die Gemeinschaftsküche. An den Rap-Aktivitäten ist er zwar nicht unmittelbar beteiligt, aber er kümmert sich um die Technik. „Skype läuft! Fna ist online.“ Fna ist in Clubkreisen bekannt als ein Drittel des Elektronik-Trios Trickski. Nebenbei ist er der vierte im Bunde bei Testosteron Cologne, dem Kölner HipHop-Label, muss sich aber per Headset und Webcam aus Berlin zuschalten, weil er dort als Grafiker sein Geld verdient. Das Label-Logo, das er entworfen hat, erklärt er so: „Es soll den Weg beschreiben: nach oben. Aber das Leben ist ein Auf und Ab. Deshalb kann man das Logo tragen, wie man will - je nach Stimmung.“

Seinem Arm nach zu urteilen, den er quer in die Linse hält, geht es für Testosteron Cologne und die Acts Coolaboration Front (Kaiser T. und Makka N!) sowie Olio Vongole (Flash und Fna) vor allem aufwärts. Das allerdings ist auch nicht allzu schwer, wenn man die musikalisch und technisch bescheidenen Anfänge zumindest eines Teils der Testo-Posse zum Maßstab nimmt. „Eines Tages haben wir die eingebauten Mikros in unseren iBooks entdeckt“, erzählt Kaiser T. „Und haben uns dann erstmal mit Hilfe der Musiksoftware Garage Band ein paar Battle-Raps um die Ohren gehauen.“ Für alle des Tech- und Rap-Slangs nicht mächtigen: iBook, das ist ein tragbarer Computer der Firma Apple; bei der angesprochenen Software handelt es sich um ein Programm, mit dessen Hilfe man vorgefertigte Versatzstücke wie Schlagzeug-Rhythmen und Basslinien relativ einfach am Bildschirm neu kombinieren kann; und ein Battle-Rap ist nichts weiter als eine vergleichsweise aggressive Form des rhythmischen Sprechgesangs.

Die Coolaboration Front ist also ein eher zufälliges Nebenprodukt des technischen Fortschritts. Einzigartig macht das Duo aber möglicherweise sein inhaltlicher Anspruch: „Unser Ziel war es schon immer, all jene zu fronten, die sonst nie was abbekommen - Bundespräsident Horst Köhler zum Beispiel“, erklärt Kaiser T., für den „fronten“ dasselbe bedeutet wie das altrapdeutsche „dissen“, was soviel heißt wie „über einen anderen herziehen“. Zwischenzeitlich wurden bereits der Papst, Sido, Angela Merkel und der Weihnachtsmann Opfer wüsten Gefrontes - nachzuhören auf dem ersten offiziell auf Testosteron Cologne veröffentlichten Tonträger: „Frontgeschichten“ von der Coolaboration Front gibt es in einer exklusiven 100-Stück-CD-Auflage (Kaiser T.: „Handnummeriert und mit Küsschen“) und als Download mit Cover-Artwork auf der Internetseite. Und so soll es weitergehen: Der „gesamte deutsche Kulturapparat“ (O-Ton Front) sollte sich schon mal pudelwarm anziehen.

„Wichtig: Die Musik kostet nix“, betont Kaiser T. „Der Gedanke ist, dass die Musik Aufmerksamkeit schaffen soll für die anderen Aktivitäten des Labels.“ Denn die Labelmacher wollen sich nicht aufs Rappen allein versteifen. „Wir wollen cooles Zeug machen, auch T-Shirts, Grafik und andere Musik, wenn uns danach ist“, sagt Kaiser T. Flash präzisiert: „Wir machen nicht nur Musik und Mode, sondern alles.“

Alles? Nicht mehr und nicht weniger. Die großen Gesten - für HipHop-Acts obligatorisch - gehen den Jungs leicht von der Hand. Vielleicht, weil sie es sich tatsächlich leisten können: Von Fna abgesehen, dessen Dance-Projekt Trickski es auf das renommierte Münchner Label Compost geschafft hat, arbeiten die Testo-Macher fernab musikindustrieller und szene-immanenter Zwänge allesamt in festen Jobs. „Ich bin zu alt, um mir irgendwelche Illusionen zu machen“, sagt Kaiser T. alias Kai weise, gestählt in der 28-jährigen Auseinandersetzung mit seinem wirklichen Nachnamen Tiegelkamp. Auch Flash - eigentlich Alexander Röder, 31 - hat viel gesehen und kann mit Blick auf die finanzielle Ausstattung des Labels sogar herzlich lachen: „Bis jetzt haben wir nur reingesteckt.“ Völlig okay, findet Makka N! alias Markus Neckar (24): „Testosteron Cologne ist eine Familie, ein Konglomerat, das geile Sachen macht. Wenn es uns gefällt, dann bringen wir in drei Monaten vielleicht eine harte Rock 'n' Roll-Scheibe raus.“

Vom Faktor Zeit mal abgesehen findet das Flash - einstmals Shouter in einer Hardcore-Punkband - gar nicht so abwegig: „Das ist schließlich Fnas und mein musikalischer Background.“ Dass sich die beiden als Olio Vongole, dem zweiten Act auf Testosteron Cologne, dennoch auf elektronische Musik in Kombination mit Sprechgesang kapriziert haben, hat vor allem praktische Gründe. Flash: „Das bietet sich halt an, wenn man über die Entfernung Köln-Berlin zusammen Musik machen will.“ Ein Song immerhin ist so entstanden, inklusive eines in Italien gedrehten Videoclips, ein zweiter, wieder mit parallel produziertem Filmmaterial, ist in der Mache.

Ganz im Gegensatz zur Coolaboration Front legen Olio Vongole großen Wert auf die Produktion. Wo bei Kaiser T. und Makka N! ein Track inklusive Text in fünf Stunden gebacken sein muss, frickeln Flash und Fna (bürgerlich: Frank Müller, 31) so lange, bis ein Stück wirklich fertig ist. Im Sommer wollen sich Olio Vongole samt Aufnahme-Equipment in einer idyllischen Hütte irgendwo zwischen den Alpen und dem Nordkap verbarrikadieren, um endlich Beats, Bässe und Battle-Raps in Album-Länge zu produzieren. Es wäre die zweite Veröffentlichung auf Testosteron Cologne, falls nicht Makka N! oder Kaiser T. vorher mit ihren Soloproduktionen fertig werden.

Dass deutschsprachiger Hiphop - vom „Aggro Berlin“-Ungeist abgesehen - derzeit nicht wirklich angesagt ist, wissen die Jungs am Küchentisch. „Mir wurscht, was out ist“, stellt Kaiser T. klar und stippt ein paar Kuchenkrümel auf. „Jahrelang lief nur die aggressive Schiene. Wir spielen mit den Klischees: Wir können nicht nur ironisch und distanziert, wir können auch die Schimpfwörter von der Straße.“ Makka N! bringt es auf den Punkt: „Wir machen Rap trotz Abitur.“ Dann muss er los. Sein Flieger geht.

Musiker, die vorgestellt werden möchten, wenden sich an den „Kölner Stadt-Anzeiger“, Ruf: 224-2323 / 2297, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Musikbeispiele der Bands, die in der Reihe präsentiert werden, sind im Internet zu hören.

KSTA-Stadtteile@mds.de

 www.ksta.de/klangprobe

 www.testosteron-cologne



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