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Nur eine Rose als Stütze

Von RAINER HARTMANN, 24.02.06, 07:03h

Hilde Domin ist am Mittwoch im Alter von 96 Jahren in Heidelberg gestorben. Die bedeutende Dichterin stammte aus Köln, die Stadt war ihr ein Erinnerungsquell, der magische Ort einer glücklichen Kindheit.

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Hilde Domin
Die bedeutende Dichterin ist am Mittwoch im Alter von 96 Jahren in Heidelberg gestorben.

Als die Lyrikerin Hilde Domin im Dezember 2003 in der überfüllten Kölner Kulturkirche las, sprach sie wie so oft über ihr Verhältnis zu dieser Stadt. Köln, wo sie am 27. Juli 1909 geboren wurde, war ihr ein Erinnerungsquell, der magische Ort einer glücklichen Kindheit. Es war ihr aber auch „die versunkene Stadt“. Dieses alte Köln versank hinter ihr, als sie 1932 Deutschland verließ. Sie und ihr späterer Mann, der Romanist Erwin Walter Palm, ahnten, was mit den Nazi-Horden heranwuchs, und gingen in ein noch selbst gewähltes Exil. Zunächst nach Florenz, dann nach England und 1940 in die Dominikanische Republik.

Dort erst ist aus der Juristin, die in Florenz ihre Doktorarbeit über ein staatswissenschaftliches Thema verfasst hatte, eine Schriftstellerin geworden. 1951, nach dem plötzlichen Tod ihrer 1933 emigrierten Mutter, begann Hilde Domin zu schreiben, und auch das war „wie eine Flucht“. Die „Sprachhandwerkerin“, die ihrem Mann geholfen hatte, seine Werke auf Italienisch oder Spanisch druckreif zu machen, entdeckte die Begabung, ihr Inneres nach außen zu wenden. „Ein jeder geht eingehüllt in den Traum von sich selbst“, heißt es in einem Gedicht von Hilde Domin. Solche Träume sind zur Keimzelle ihrer Gedichte geworden, in denen Wörter wie Rose, Blüte, Baum, Wolke, Wort oder auch Traum immer wiederkehren.

Hilde Domin, die am Mittwoch im Alter von 96 Jahren in Heidelberg gestorben ist, kultivierte in ihrer Lyrik den Tonfall einer ahnungsvollen, träumerischen poetischen Flugkunst. Sie beschwört Gegenwirklichkeiten herauf, ohne die Wirklichkeit aus dem Blick zu verlieren. So schwebend, so luftig und nebelhaft leicht ihre Gedichte oft wirken, Hilde Domin stand fest auf der Erde. Ein Zeichen dafür: Als 1959 endlich ihr erster Gedichtband erschien, gab sie ihr Geburtsjahr mit 1912 an, machte sich also drei Jahre jünger, weil sie noch nicht 50 sein wollte. Viel später erst gestand sie diesen Trick ein, der Verwirrung in manches Lexikon brachte.

„Nur eine Rose als Stütze“, das Titelgedicht des Buchs von 1959, wurde zur Chiffre für Hilde Domin. Ungewissheit, Unsicherheit, Lebensgefährdung: „Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft“, in dem das Bett schwankt „auf dem Trapez des Gefühls / wie ein Nest im Wind / auf der äußersten Spitze des Zweigs.“ Darin ist wie in vielen Domin-Gedichten die Erfahrung des Exils gegenwärtig. Doch es gibt auch, wärmend und besänftigend, „eine Decke aus der zartesten Wolle / der sanftgescheitelten Schafe“, es gibt, in der letzten Zeile, „eine Rose als Stütze“, nur eine Rose, aber immerhin als Hinweis auf die rettende Kraft der Poesie.

„Wir, die wir von Finsternis zu Finsternis leben“: So beschrieb Hilde Domin in ihrem Buch „Wozu Lyrik heute“ die Bewohner des 20. Jahrhunderts. Diese Bemerkung sollte davor warnen, die Gedichte der Domin auch nur für im mindesten versöhnlich zu halten, weil sie oftmals weniger bitter klingen als die der anderen großen jüdischen Autorinnen Nelly Sachs und Rose Ausländer. Hilde Domin sagte „Der Baum blüht trotzdem“, so ein Lyrikband von 1999. Darin findet sich auch das Gedicht „Magie“. Es beginnt so: „Aber der Mensch / ist des Menschen / bangste Begegnung . . .“

Verse wie dieser reichten für sie hinüber ins Allgemeine, ins Politische. Sprache war ihr - wie Rose Ausländer - die einzige wahre Heimat: „Hand in Hand mit der Sprache / bis zuletzt“ schrieb sie in einem Gedicht für Christa Wolf. Bis zuletzt - das ist Hilde Domin fast gelungen. Noch als 94-Jährige trat sie auf, wach, beredt, ein großes Publikum bannend. Neben Traum und Wort war die Erinnerung Nahrung für ihr Werk wie für ihren Alltag. So wollte und konnte sie die Riehler Straße 23, die Wohnung ihrer Kindertage, nicht vergessen, auch „die alte verschnörkelte Türklinke“ nicht und das Wohnzimmer ihrer Eltern, wo einst Meyers Klassikerausgaben gestanden hatten. 1954 besuchte sie das Haus, vor der Reise nach Heidelberg, wo auf Erwin Walter Palm eine Professur wartete. Nach 22 Jahren Exil war sie zurückgekehrt.



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