Erstellt 03.03.00, 02:08h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Frau Woll, wie geht es Ihnen mit Ihrer neuesten Rolle - als Mutter?
FELICITAS WOLL: Seit einer Woche bin ich zu Hause, und es läuft alles super. Zwar habe ich kein Drehbuch, keinen Regisseur, der sagt, „das machst du jetzt so und so“. Aber es gibt offenbar Dinge, die im Unterbewussten einer Frau gespeichert sind. Außerdem bin nicht auf mich allein gestellt, sondern habe viele Menschen an meiner Seite, die mir helfen.
Sie gehen mit „Dresden“ in Ihre Elternzeit - und heimsen für die Hauptrolle der Anna Mauth schon vorab beste Kritiken ein. Erleichtert das den zeitweiligen Abschied?
WOLL: Über dem, was ich zurzeit lese, werde ich eigentlich immer stiller - weil mit so einer, ich möchte fast sagen Liebe berichtet wird. Und das, wo deutsche Journalisten doch manchmal ein bisschen - na ja - zurückhaltend sind mit ihrem Lob.
Im Film spielen Sie eine Krankenschwester, was einmal Ihr Berufswunsch war. Wie viel Felicitas Woll ist in Anna Mauth?
WOLL: Ich verkörpere sie, gebe ihr meine Seele und mein Herz. Aber ihr Leben und die Zeit, in der sie lebt, sind zu weit weg von mir, als dass ich mich in ihr wiederfände.
Es gibt ja eine direkte familiäre Brücke in die Kriegszeit, weil Ihre Großmutter und Großtante die Bombennacht von Dresden überlebt haben. Wie nah ist Ihnen das jetzt gekommen?
WOLL: Mit meinen Verwandten habe ich vor dem Film zum ersten Mal ausführlich darüber geredet. Das waren für mich schon sehr intensive Gespräche, denn hätte meine Großmutter damals als Zehnjährige nicht überlebt, gäbe es meine Familie nicht, gäbe es mich nicht. Von meiner Großmutter kann ich sagen, dass sie bis heute von den Geschehnissen gezeichnet ist. Sie hat - erfolglos - versucht, die Erinnerung zu verdrängen, indem sie nicht so viel darüber redete. Ich schaue ihr in die Augen und sehe jetzt auch das Mädchen, das diese furchtbaren Erfahrungen nicht verkraftet hat.
Der Film versucht, nicht einseitig historisch Schuld zuzuweisen . . .
WOLL: . . . und ich erst recht nicht. Das steht mir nicht zu. Ich sage: Krieg ist immer furchtbar - und das möchte ich dann auch so stehen lassen.
Was werden Sie Ihrer Tochter sagen, wenn sie einmal nach der Bedeutung ihres Geburtsdatums fragt?
WOLL: Ich werde ihr erzählen, was 1945 passiert ist - und dass ich 60 Jahre später das alles auf ungewöhnlich dichte Weise nacherlebt habe. Das ist schon ein unglaubliches Zusammentreffen.
Es gibt den Vorwurf, am Ende zeichne der Film das Bild vom guten, selbstlosen und heroischen Deutschen. Was dann vergessen mache, dass das Elend des Krieges von Deutschland ausging.
WOLL: Diese Kritik ist dann eben doch wieder „typisch deutsch“. Man sucht so lange, bis man was zum Mäkeln findet. Ich empfinde es ganz anders: Der Film ist ein großes Plädoyer für Versöhnung. Die Versöhnung von Menschen und Völkern, die alle Schreckliches erlebt haben. Mein englischer Filmpartner John Light hat mir davon berichtet, dass die Schatten der Vergangenheit in England auch noch lebendig sind. In der Schule sei die deutsche Geschichte mit 1945 beendet - weiter gehe es nicht. Genau dagegen tritt der Film an.
Aber Tatsache ist, dass „Dresden“ zeigt, wie deutsche Zivilisten im Bombenhagel der Alliierten umkommen. Gab es beim Dreh in Ihnen so ein Gefühl, Opfer zu sein?
WOLL: Ich hatte ein wahnsinniges Gefühl der Angst; das Gefühl, hier geht es um Leben und Tod. Obwohl natürlich die Kamera immer in der Nähe stand, war dieses „reale“ Erleben schon manchmal erschreckend. Aber über Opfer- und Täterrollen habe ich mir dabei überhaupt keine Gedanken gemacht. Dieses alte Denken soll der Film ja auch überwinden helfen.
Die Story des Films erinnert ja ein wenig an „Titanic“: Eine unmögliche Liebe am Vorabend einer für den Zuschauer absehbaren Katastrophe.
WOLL: Ich glaube, der Vergleich funktioniert nicht. Das Schicksal von Robert und Anna in „Dresden“ steht exemplarisch für das Schicksal ganz vieler Menschen. Und das steht im Vordergrund; die Liebesgeschichte geht im Grunde auf in den Schicksalsbildern einer Nacht. Bei „Titanic“ ist es andersherum - und für meinen Geschmack auch alles zu viel, zu melodramatisch.
Felicitas Woll ist also nicht die deutsche Antwort auf Kate Winslet.
WOLL: (lacht) Um Himmels willen, nein.
Von der Lolle in „Berlin, Berlin“ zu Anna Mauth in „Dresden“ ist es ein großer Sprung. Betreiben Sie gerade den Imagewechsel?
WOLL: Ich kann diese Schubladen bei Schauspielern nicht leiden. Schauspielerei heißt doch Verwandlung. Natürlich war es eine riesige Herausforderung für mich, nach meinen komödiantischen Partien eine so ernste Rolle spielen zu dürfen. Ich hatte großen Respekt und Angst davor, womöglich die Erwartungen nicht erfüllen zu können. Vom Regisseur und Produzenten war es schon mutig, jemanden zu besetzen, der sonst auf das „leichte Fach“ abonniert war.
Was, glauben Sie, hat diesen Mut begründet?
WOLL: Über sich selbst zu reden, ist immer schwer. Ich versuche jedenfalls, in jeder Rolle echt zu sein. Ich tauche in die Figuren ein wie ein kleines Kind. Vielleicht ist es das, was gut ankommt.
Zum Schluss: Verraten Sie uns den Namen Ihrer Tochter?
WOLL: Taisha Valentina.
Taisha - was bedeutet das?
WOLL: Das habe ich noch nicht herausgefunden. Der Name klingt einfach sehr schön.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige