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Benimmkurs für eine ganze Stadt

Von HARALD MAASS, 15.03.06, 06:57h

Bis zur Olympia 2008 sollen die Pekinger mancher Gewohnheit abschwören. Broschüren für „zivilisiertes Spucken“, Aufpasser an Ampeln - und öffentliche Rügen für Halbnackte.

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Plakative Aufforderung aus China, nicht zu spuken.
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Plakative Aufforderung aus China, nicht zu spuken.
Broschüren für „zivilisiertes Spucken“, Aufpasser an Ampeln - und öffentliche Rügen für Halbnackte.

Peking - Wer in China einmal mit dem Zug gefahren ist, wird dieses Geräusch nicht mehr vergessen. Es beginnt mit einem tiefen Gurgeln, dann folgt das schnarrende Hochziehen des Nasenschleims, das in einem lautstarken Ausspucken mündet. Regelmäßiges und kräftiges Spucken, so glauben viele Chinesen, ist gut für die Gesundheit. Doch das soll sich ändern.

Die Ethikkommission rät

Bis zu den Olympischen Spielen 2008 will Peking seinen Bürgern mit einer Kampagne Benimm-Regeln beibringen. Der Feind Nummer eins sei dabei das öffentliche Ausspucken, sagt Zhang Huiguan, Direktorin des „Hauptstädtischen Ethik- und Kulturentwicklungsbüro“. „Wir werden mit Zeitungen, Radio und Fernsehstationen, dem Internet und mit Mobiltelefonfirmen zusammenarbeiten, um den Menschen die richtige Art des Spuckens beizubringen“, kündigte Frau Zhang an. Ihr Rat: „Man muss ein Taschentuch oder eine Tüte benutzen und diese dann in den Mülleimer werfen, um den Vorgang abzuschließen.“ Kaum etwas irritiert Besucher aus dem Westen so sehr wie das Spucken der Chinesen. Der Reformpolitiker Deng Xiaoping hatte 1986 beim Besuch der britischen Königin extra einen Spucknapf unter dem Tisch. Leider geht es im Alltag weniger dezent zu. In Peking kann es passieren, dass der Mann oder die Frau vor einem plötzlich mitten auf dem Bürgersteig stehen bleibt, sich nach vorne beugt - und tut, was man ungern beschreibt.

Selbst in Restaurants und in Kaufhäusern sieht man die unappetitlichen Speichelflecken auf dem Boden. Den 14 Millionen Bürgern von Peking diese Eigenart abzugewöhnen, werde „keine leichte Aufgabe“, räumte Frau Zhang ein. Schön während der Sars-Epidemie 2003 hatte die Regierung vergeblich versucht, die unhygienische Gewohnheit zu unterbinden.

Nun probiert man es mit Hightech und Strafen. Ein spezieller „Kommandowagen“ der Polizei, ausgerüstet mit zwei rotierenden Videokameras, soll künftig die Übeltäter überführen. 50 Yuan kostet die illegale Benetzung des Pflasters - umgerechnet fünf Euro, eine Menge Geld. „Falls ein Bürger die Strafe nicht entrichten kann, muss er den Boden dort reinigen“, droht Frau Zhang. Gleichzeitig sollen eine Million Spuckbeutel aus Papier sowie mehr als zwei Millionen Ratgeber-Broschüren verteilt werden. Weil Peking während der Spiele 2008 als Weltstadt glänzen soll, versucht die Regierung die Bürger umzuerziehen. An den Bushaltestellen wachen Aufseher mit Armbinden und Megaphonen darüber, dass beim Schlangestehen niemand vordrängelt. An Straßenkreuzungen gibt es diese Aufpasser schon länger: Dort sollen sie dafür sorgen, dass Fußgänger und Fahrradfahrer sich an die Ampeln halten. Auch gegen die „bang ye“ - Pekings nackte Männer - wird vorgegangen. Wer in der sommerlichen Hitze mit nacktem Oberkörper durch die Straßen geht, wie es bisher üblich war, muss damit rechnen, dass er mitsamt Foto in einer Staatszeitung gerügt wird.



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