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„Ein bisschen schwanger geht nicht“

Von RÜDIGER HEIMLICH, 17.03.06, 07:06h

Der WDR hat einen Zweiteiler zum Skandal um das Schlafmittel Contergan gedreht, das zu starken Missbildungen bei Neugeborenen geführt hatte. Der Aachener Pharma-Konzern Grünenthal geht gegen die Produktion vor.

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Film ärgert Firma: "Nur eine einzige Tablette" heißt der Streifen über den Contergan-Skandal.
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Film ärgert Firma: "Nur eine einzige Tablette" heißt der Streifen über den Contergan-Skandal.
Der Name „Contergan“ steht für den größten deutschen Arzneimittelskandal. Das Schlafmittel, das 1957 in den Handel kam, verursachte durch seine Nebenwirkungen starke Missbildungen bei mehreren Tausend Neugeborenen. Jahrelang wurde vor Gericht um die Schadensersatzansprüche gestritten, so sehr, dass sich die Opfer in verschiedene Lager spalteten und bis heute miteinander im Hader liegen.

Ein weiteres Kapitel dieses Skandals ist nun vom Landgericht Hamburg aufgeschlagen worden. Dort erwirkte die Aachener Pharmafirma Grünenthal GmbH, der damalige Contergan-Hersteller, eine einstweilige Verfügung gegen den WDR sowie den Kölner Filmproduzenten „Zeitsprung“. Unter Androhung eines Ordnungsgeldes von bis zu 250 000 Euro wird die „Verbreitung von 15 Falschdarstellungen“ im Drehbuch des Films „Eine einzige Tablette“ untersagt.

Der vom WDR als „packende Tele-Fiction“ angekündigte Zweiteiler des Regisseurs und Grimme-Preisträgers Adolf Winckelmann („Der Leibwächter“) und des Drehbuchautors Benedikt Röskau (Grimme-Preis für „Das Wunder von Lengede“) erzählt den Contergan-Skandal aus der Perspektive einer Opfer-Familie. Es geht um Paul (Benjamin Sattler) und Vera Wegener (Katharina Wackernagel), die nach Einnahme von Contergan ein missgebildetes Kind zur Welt bringt. Anwalt Wegener nimmt als „David“ den Rechtsstreit gegen den Pharma-„Goliath“ auf und tritt als Nebenkläger vor Gericht auf. Der Film spielt vor dem Hintergrund des realen Rechtsstreits.

Die Grünenthal GmbH, ein Unternehmen mit weltweit 4800 Mitarbeitern, erklärte nun ihren prinzipiellen Standpunkt. „Die Aufarbeitung dieses tragischen und sensiblen Themas »Contergan« ist für das Genre eines Unterhaltungsfilms nicht geeignet.“ Tatsächlich befürchtet das Unternehmen „einen Imageschaden, den wir so nicht hinnehmen können“, erklärte Grünenthal-Sprecherin Annette Fusenig dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Das ist eine kommerzielle Geschichte, die Quote machen will“, so Fusenig, mithin ein „ganz anderes Kaliber“ als eine Dokumentation, die der sachlichen und historisch zutreffenden Darstellung verpflichtet sei. Millionen von Zuschauern würden Fiktion nicht von der Realität trennen können. „Ein bisschen schwanger geht nicht“, sagt Fusenig, „eine fiktive Dokumentation oder eine dokumentarische Fiktion“ sei hier unzulässig. „Uns ist völlig klar, dass wir damit in eine Diskussion um die Freiheit der Kunst geraten“, so Fusenig.

Konkret geht es Grünenthal um „15 Schlüsselszenen, die die geschichtlich verbürgten Ereignisse um Contergan schwerwiegend entstellen“. Beispielsweise werde im Drehbuch dargestellt, die Behörden hätten die Abgabe von Contergan verboten, nachdem Grünenthal das Medikament ein Jahr und drei Monate nach dem ersten Verdacht noch immer nicht zurückgezogen habe. Tatsächlich habe Grünenthal das Medikament bereits zwölf Tage nach dem ersten Verdachtsmoment aus eigenem Entschluss vom Markt genommen, so die Pharmafirma. Unzutreffend sei außerdem die Darstellung, das erste Entschädigungsangebot habe zehn Millionen

D-Mark betragen und sei mit der Maßgabe unterbreitet worden, es müsse sofort angenommen werden. Tatsächlich habe das Unternehmen einen bedingungslosen Entschädigungsbetrag von 100 Millionen

D-Mark angeboten und später auch ausgezahlt. Zu den 13 weiteren „Schlüsselszenen“ wollte Grünenthal keine Details nennen, „da es sich hierbei um eine laufende juristische Auseinandersetzung handelt“.

Für den Produzenten Michael Souvignier und Drehbuchautor Benedikt Röskau ist der ganze Vorgang „grotesk“. Die einstweilige Verfügung beruhe auf einer veralteten und nicht realisierten Drehbuchfassung. Der Film, von dem es laut WDR noch nicht einmal eine Rohschnittfassung gebe, enthalte die beanstandeten Szenen überhaupt nicht. Der Film, so „Zeitsprung“-Produzent Michael Souvignier, beabsichtige nicht, „irgendjemanden zu diffamieren“. Tatsächlich habe „Zeitsprung“ in erläuternden Gesprächen mit der Firma Grünenthal deren Bedenken zu entkräften versucht. Der Pharmafirma sei es aber immer darum gegangen, dass die Namen „Grünenthal“ und „Contergan“ im Film nicht genannt werden dürften. „Das konnte von uns angesichts der Tragweite der historischen Ereignisse nicht akzeptiert werden.“

Der Vorwurf, „Eine einzige Tablette“ sei ein Unterhaltungsfilm, weist WDR-Fernsehfilmchef Gebhard Henke zurück. Er stellt den Film in die Tradition der politischen und zeitkritischen WDR-Fernsehfilme. „Wir haben uns historisch sensibel und künstlerisch verantwortungsvoll mit diesem Thema auseinander gesetzt. Der Film wird die wesentlichen historischen Begebenheiten korrekt wiedergeben.“

Für Drehbuchautor Röskau ist das Ansinnen des Pharmakonzerns durchsichtig: „Man will uns die Freiheit nehmen, Zeitgeschichte künstlerisch aufzuarbeiten. Das können wir nicht zulassen.“ Der WDR und „Zeitsprung“ werden Widerspruch gegen die ergangene Verfügung einlegen. - Der Pharmakonzern dürfte nun neuerliche Recherchen nach dem Wahrheitsgehalt seiner Sicht der Dinge ausgelöst haben. Die Frage, wie schnell er tatsächlich auf „erste Verdachtsmomente“ gegen Contergan reagierte, wird seit je äußerst kontrovers diskutiert.



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