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Erste Biografie über Siegfried Lenz

Von Matthias Hoenig, 16.03.06, 11:52h

Der schleswig-holsteinische Journalist Erich Maletzke hat jetzt - pünktlich zum 80. Geburtstag des Autors am 17. März - erstmals den Lebensweg des in Masuren geborenen Literaten nachgezeichnet. Das Buch ist ebenso einfühlsam wie humorvoll geschrieben.

Siegfried Lenz
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Siegfried Lenz feiert am 17. März seinen 80. Geburtstag.
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Siegfried Lenz feiert am 17. März seinen 80. Geburtstag.
Springe/Hamburg - Es ist schon eine gewisse Ironie der Geschichte: In seinen Bestseller-Romanen «Deutschstunde» und «Heimatmuseum» oder der Erzählung «Ein Kriegsende» setzt sich Siegfried Lenz immer wieder mit der Vergangenheit auseinander. Es geht um die NS-Zeit, um einen falschen Pflichtbegriff, um Heimatverlust und Befehlsverweigerung.

Doch über sein Elternhaus und seine Kindheit, seine Zeit in der Hitlerjugend und als Soldat hat der bedeutende Schriftsteller der Nachkriegsliteratur - er war bei Kriegsende 19 Jahre jung - stets nur spärliche Angaben gemacht.

Der schleswig-holsteinische Journalist Erich Maletzke hat jetzt - pünktlich zum 80. Geburtstag des Autors am 17. März - erstmals den Lebensweg des in Masuren geborenen Literaten nachgezeichnet. Und wie es im Klappentext weiter heißt, zeige sich, «dass fast alle über Siegfried Lenz veröffentlichten Lebensläufe zumindest teilweise umgeschrieben werden müssen».

Warum sollte diese Zeit die Öffentlichkeit überhaupt interessieren? Lenz selbst erinnert immer wieder gern an seinen früheren Deutschlehrer, der jedes literarische Werk vor dem biografischen Hintergrund seines Schöpfers sah, jede Dichtung sei «ein Ausgang aus biografischer Not».

Die Recherchen von Maletzke ergeben folgendes Bild: Die Ehen der Eltern und Großeltern von Siegfried Lenz scheiterten. Mutter Luise zog nach Braunsberg und heiratete neu, zum früh gestorbenen Vater soll Lenz so gut wie keine Beziehung gehabt haben. Siegfried wuchs bei der Großmutter in Lyck auf. Er ging zunächst dort zur Schule, kam schließlich auf staatliche Internate nach Kappeln (Schleswig-Holstein) und dann nach Samter im damaligen Reichsgau Wartheland im besetzten Polen.

1944/1945 Kriegsmarine: Lenz tat Dienst auf dem in der Ostsee operierenden Panzerkreuzer «Admiral Scheer», der zum Kriegsende hin Flüchtlinge und Verletzte von Pillau nach Kiel brachte. Lenz gehörte - anders als manchmal dargestellt - nicht zur Restbesatzung, als das Schiff in der Kieler Förde im Bombenhagel kenterte.

In den letzten Kriegswochen wurde der Marinesoldat nach Dänemark versetzt. Sein Desertieren wenige Tage vor Kriegsende hat Lenz in einer früheren autobiografischen Skizze mit einer Exekution begründet: «Es genügte, bis zu dem Tag an dem sie einen erschossen, weil er sich aufgelehnt hatte, mit Worten; sie brauchten einen Toten, um uns an ihre Macht zu erinnern... ich erfuhr es und wachte auf.» Unklar ist laut Maletzke, ob Lenz Augenzeuge der Hinrichtung war.

Wenige Tag nach Lenz' Flucht war der Krieg zu Ende, der Soldat ging in englische Kriegsgefangenschaft und arbeitete dort als Dolmetscher. Noch 1945 kam er nach Hamburg, studierte und ließ sich nach journalistischen Anfängen dort als freier Schriftsteller nieder. Nach 56 Ehejahren starb im Februar 2006 seine innig geliebte Frau Liselotte, die Lenz als Volontär bei der «Welt» kennen gelernt hatte. Sie war acht Jahre älter als er.

Die mit privaten Fotos illustrierte Biografie zeichnet neben der Jugendzeit die Entwicklung von Lenz als Schriftsteller, seine Kontakte zur Gruppe 47 und vor allem das Entstehen seiner Werke nach, die in ihren Kerngedanken vorgestellt werden. Für Maletzke ist Lenz ein Autor, der neben Anerkennung für sein Talent als Erzähler («So zärtlich war Suleyken») viel Prügel von der Kritik für die Mehrzahl seiner bislang 14 Romane hat einstecken müssen. Sehr anschaulich unterhaltend entfaltet Maletzke auch die Beziehung zu den langjährigen, teils schwierigen Freunden Helmut Schmidt, Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki. Der «Freund Marcel» bespricht seit 1970 kein Buch des Autors mehr.

Maletzkes «biographische Annäherung» ist ebenso einfühlsam wie humorvoll geschrieben, der Autor nimmt sich selbst zurück und verzichtet auf Effekthascherei. Am Ende entsteht das Bild eines Schriftstellers, dessen Themen stark beeinflusst sind von einer Jugend ohne heiles Elternhaus und den Verführungen der Nazi-Zeit.

Maletzke, der Lenz seit Anfang der 90er Jahre von Interviews kennt, war von Lenz' Hausverlag Hoffmann und Campe angesprochen worden und hatte die Biografie vorgeschlagen. Doch Lenz, anfänglich dem Projekt aufgeschlossen, ließ den Verlag nach einem ersten Treffen jedes weitere Zusammenkommen absagen. Warum Lenz so ungern über seine Jugend spricht? «Ich weiß es nicht. Es muss etwa in der Familie schief gegangen sein», mutmaßt Maletzke.

Erich Maletzke

Siegfried Lenz - Eine biographische Annäherung

Verlag, Springe

204 S., Euro 16,80

ISBN3-934920-88-8 (dpa)



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