Von HEINZ TUTT, 23.03.06, 07:06h, aktualisiert 23.03.06, 09:22h
Düsseldorf - Die Pläne der nordrhein-westfälischen Schulministerin Barbara Sommer (CDU), Schulzeugnisse künftig wieder mit Kopfnoten zu versehen, stoßen bei Bildungsexperten überwiegend auf Ablehnung. Dies ergab am Mittwoch eine Anhörung im Düsseldorfer Landtag. Dagegen begrüßen Arbeitgeber-Verbände und der Elternverein NRW die geplante Benotung von Arbeits- und Sozialverhalten.
Vor allem Praktiker aus den Schulen und Wissenschaftler bezweifelten Sinn und Aussagekraft von Kopfnoten. Lehrer besäßen für die Verteilung dieser Noten „keine hinreichende Diagnosekompetenz“, sagt Peter Blomert, Leiter einer Gesamtschule in Mönchengladbach. Solche Ziffernnoten könnten zu einer unreflektierten Charakterbewertung der Kinder verkommen. Baldur Bertling vom Grundschulverband NRW drückt es noch drastischer aus: „Wären Kopfnoten ein Medikament, müssten sie wegen Nebenwirkungen verboten werden.“
„Bei den Kopfnoten schlägt durch, was im Elternhaus gelernt oder nicht gelernt wird“, sagt Wolfgang Böttcher von der Universität Münster. Insofern sei eine zusätzliche Benachteiligung von Schülern aus sozial schwierigen Elternhäusern zu befürchten. Und schließlich würden Lehrer eine Benotung in einem Bereich vornehmen, der in der Schule gar nicht vermittelt werde.
Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marianne Demmer, warnt ebenfalls vor Einführung von Kopfnoten. Der einzige Vorzug dieser Beurteilungen sei, dass sich Unternehmen bei Einstellungen ein schnelles Bild machen könnten, um neben den Fachnoten ein weiteres Mittel zu haben, den Bewerber einzusortieren. Dies sei jedoch ein trügerisches Bild, glaubt Demmer. Es sei nicht bekannt, ob Schulen und Wirtschaft überhaupt gemeinsame Vorstellungen von den unterschiedlichen Begriffen und Ziffernnoten hätten.
Auch als Disziplinierungsmittel tauge die Benotung von sozialem Verhalten nicht. Gerade bei auffälligen Jugendlichen, die sich innerlich bereits aufgegeben hätten, laufe diese Art von Druckmittel ins Leere. Zudem begünstigten Kopfnoten bei Lehrkräften die unpädagogische Überzeugung, der Sinn von Bewertung liege in der Disziplinierung der Schüler und nicht in ihrer Leistungsförderung.
Völlig anders sehen dies die Befürworter: Gerade die Aufnahme von Kopfnoten in die Abgangs- und Abschlusszeugnisse werde womöglich manchen verhaltensauffälligen Schüler zu Selbstdisziplin und Rücksichtnahme bewegen, erklärte der Elternverein. Ähnlich sehen es die nordrhein-westfälischen Arbeitgeber in ihrer Erklärung. Die Rolle des Lehrers werde auf diese Weise im Unterricht gestärkt. Eine gute Beurteilung im Arbeits- und Sozialverhalten biete im Übrigen gerade leistungsschwachen Schülern die Möglichkeit, fachliche Leistungsdefizite zu kompensieren - und dadurch die Chancen bei der Lehrstellensuche zu verbessern.
Bei einer Erhebung des Lehrerverbands Erziehung und Wissenschaft NRW hatten sich im Jahr 1999 rund 15 400 von 17 000 befragten Eltern für Kopfnoten ausgesprochen, davon 50,3 Prozent für Ziffernnoten. Das Votum zeige, dass hier ein großer Bedarf bestehe, kommentierte der Verband damals.
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