Erstellt 25.03.06, 07:03h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Tugendhat, hat Israel mit dem Abzug aus dem Gaza-Streifen nicht ein positives Signal gesendet?
TUGENDHAT: Scharon ist mit dem Rückzug aus dem Gaza-Streifen ein genialer Schachzug gelungen: einerseits sieht es so aus, als sei er, der Scharfmacher, auf einmal für eine friedliche Lösung - dabei war der Gaza-Streifen für Israel völlig wertlos und die Besatzung dort nur eine Belastung -, andererseits konnte Scharon dadurch die Weltöffentlichkeit davon ablenken, dass er die Siedlungspolitik im Westjordanland weiterhin extrem forciert hat. Das nichterklärte Ziel dieser Politik kann nur die Annexion sein: den Palästinensern wird der Garaus gemacht, und der Westen lässt das zu.
Besorgen die Wahlergebnisse in Palästina nicht?
TUGENDHAT: Israelis und Palästinenser schaukeln sich gegenseitig hoch. Der Sieg der Hamas scheint zum Teil auf die Korruption der Fatah zurückzugehen, aber er ist Teil der unversöhnlichen israelischen Politik. Wenn die Lage ausweglos wird, nimmt der Fanatismus überhand.
Sollen die Deutschen also mit Lichterketten auf den Straßen für die Palästinenser demonstrieren?
TUGENDHAT: Nein, das wäre übertrieben. Wer in Deutschland die gegenwärtige Politik Israels kritisiert, kann es nur, wenn er deutlich macht, dass er keine antisemitischen Motive hat, und das ist vielleicht nicht leicht. Aber wir Juden unsererseits dürfen nicht meinen, dass wir wegen des Holocaust nicht kritisiert werden dürfen. Wer verfolgt wurde, erwirbt dadurch nicht das Recht, andere zu verfolgen. Wenn man aus einem Haus herausgeworfen wurde, gibt es einem nicht das Recht, in ein anderes Haus einzubrechen.
Die Palästinenser haben andererseits auch ihren Beitrag an dem Prozess zu leisten.
TUGENDHAT: Natürlich. Israel ist inzwischen eine Tatsache, und diese muss von den Palästinensern anerkannt werden. Ich will hier nicht von der Zeit bis 1967 sprechen; bis dahin mussten die Israelis wirklich fürchten, von den Arabern „ins Meer geworfen“ zu werden, sie mussten um ihre Existenz kämpfen. Aber mit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 hatten sie sich durchgesetzt. Sie waren die eindeutigen Sieger, und der Sieger kann es sich leisten, großzügig zu sein. Damals wäre nach meiner Meinung ein echter Friede machbar gewesen: eine ausgewogene Zwei-Staaten-Lösung. Diese Chance ist von Israel nicht wahrgenommen worden. Stattdessen hat es das Territorium der Unterlegenen militärisch besetzt gehalten.
Die zionistischen Juden sind der Auslöser des Konflikts?
TUGENDHAT: Das ist das weiter zurückreichende Problem, vor dem man ebenfalls nicht die Augen verschließen sollte. Man meint heute, Juden und Zionisten seien ungefähr dasselbe. Aber der um 1900 entstandene Zionismus war eine spezielle, nationalistische Ausdeutung des Judentums, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von der Mehrheit der Juden, die sich entweder religiös oder assimilatorisch verstanden, abgelehnt wurde. Erst im Jahr 1944 gewann der Zionismus in den maßgebenden jüdischen Organisationen der USA die Mehrheit. Aber viele Juden stehen dem Zionismus auch heute distanziert gegenüber. Es gab freilich innerhalb des Zionismus - und so auch heute in Israel - immer auch Gruppen, die für eine echte Verständigung mit den Palästinensern eintraten, das heißt für Gleichberechtigung. Und doch kann man nicht die Augen davor verschließen, dass der Zionismus schon seinem Wesen nach nationalistisch und daher potenziell nach außen aggressiv war.
Wie erklären Sie sich das?
TUGENDHAT: Das lag schon in der Ausgangsidee, in Palästina nicht einfach einzuwandern, sondern dort einen eigenen Staat zu gründen. Man kann doch verstehen, dass so eine Vorstellung, die sich nur aus dem damaligen europäischen Kolonialbewusstsein erklären lässt, für die Araber inakzeptabel war.
Ist der Zionismus nicht eine Konsequenz aus dem Holocaust?
TUGENDHAT: Nein. Die maßgebende zionistische Einwanderung in Palästina erfolgte vor dem Holocaust und war nicht eine Reaktion auf die Ausrottungspolitik der Nazis, sondern auf das allgemeinere Phänomen des Antisemitismus, noch mehr in Osteuropa als in Deutschland. Man kann also nur sagen: der Zionismus war eine verständliche, aber gewiss nicht „notwendige“ Konsequenz aus dem Antisemitismus.
Gab es eine andere Option?
TUGENDHAT: Ja. Man kann sich das an den Alternativen klarmachen, die Gershom Sholem aufzeigt. Sholem - der maßgebende Autor über jüdische Mystik - war aus Deutschland im Jahr 1924 nach Palästina ausgewandert. In seiner Autobiografie reflektiert er auf seine Jugend in Berlin. Auf der einen Seite sieht er seine Eltern, die sich zu assimilieren versuchten. Auf der anderen Seite sieht er seinen Bruder, der Kommunist wurde. Gegenüber diesen zwei Wegen sieht er seinen eigenen, den zionistischen, als den einzigen, der sich als gangbar erwiesen habe. Aber kann man das sagen?
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